Wolfgang Schlüter: Fox, oder der kleine Klavierschwindel

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Wolfgang Schlüter, Fox, oder der kleine Klavierschwindel. Roman. Matthes & Seitz 2019. 480 Seiten. 28,00 €

Lärmempfindlichkeit ist eine anerkannte Krankheit. Besonders plagt sie diejenigen, die über ein sensibles musikalisches Gehör verfügen oder, wie das auf Doktor Abendroth eher zutrifft: Damit geschlagen sind. Denn seine feinen Ohren sind die eigentliche Ursache einer Tat, wegen der Abendroth jetzt bei einer psychiatrischen Gutachterin sitzt. Hausfriedensbruch und Totschlag. Der Nachbar über ihm hatte die Stereoanlage zu laut aufgedreht. Und Abendroth sich darüber wohl zu handgreiflich beschwert.

Ach ja, Hausfriedensbruch! Aber der Lärm, der den Frieden des Hauses bricht, zählt nicht dazu? Ziehen Horden von betrunkenen Faulenzern und digitalen Bohémiens, Krakeelern, Krawallheinis, Wohlstandstussen, Lärmprolls und Nervtüten draußen vor dem Fenster grölend und kreischend von Club zu Club und feiern Dauerparty mit Bummta-Gedudel, krachledernem Haudruff und Remmidemmi aus Ghettoblastern und Subwoofern, dann winkt das Ordnungsamt müde ab.

Während Doktor Abendroth sich in den Sitzungen mit der Psychiaterin wortgewaltig über die Unerträglichkeit von Bummtata-Gedudel aufregt, brüten auf einer zweiten Erzählebene des Romans drei Musik-vernarrte Freunde im britischen Seebad Brighton über einem ganz anderen musikalisch-akustischen Problem. Der übergewichtigen Musik-Großkritiker Birthwhistle soll die neueste Schallplatten-Aufnahme der Pianistin Ellen Swindon rezensieren. Seine Freunde, der reiche Müßiggänger Fox und der schüchterne Emigrant Yberseindt, haben sie auch gehört und sind ganz und gar nicht damit einverstanden. Sicher, wendet Yberseindt ein, die Pianistin soll krank sein. Aber kann das so ihren Stil verändern?

Irgendetwas stimmt mit diesen Einspielungen nicht. Und damit meine ich weniger die unnatürliche manuelle Perfektion. Denn anders als Sie es letzthin dargestellt haben, Fox, gibt es im Spiel der Dame sehr wohl einen fingerprint, und zwar, ganz versteckt, in der Art wie sie in den Kadenzen der Konzerte die Schlusstriller spielt. Zumindest in ihren älteren Aufnahmen ist es ausnahmslos so. In den neuern indes herrscht hierin totale Willkür. Diese Beliebigkeit nehme ich einer so versierten Pianistin nicht ab, gerade dann nicht, wenn ihre Kräfte angeblich nachlassen.

Rätselhafterweise aber lobt der Musikkritiker Birthwhistle die neue Aufnahme der Swindon über den grünen Klee. Auch da stimmt irgendetwas nicht. Fox und Yberseindt wollen der Sache auf den Grund gehen und fahren zu einem Besuch des Ehepaars Swindon aufs Land. Niemand öffnet. Yberseindt macht eine Räuberleiter und Fox wirft einen Blick durchs Fenster ins Erdgeschoss des Hauses, wo er kein Klavier, – dafür aber ein hochmodernes elektronisches Tonstudio entdeckt. Danach ist ihm alles klar und bald können die Freunde den Klavierschwindel aufdecken.

Dieser lustigen, am Ende allerdings tragischen und vielleicht mit etwas zu viel Musiktheorie angereicherten Geschichte liegt ein wahrer Skandal zugrunde: Nämlich die im Jahr 2007 aufgedeckte elektronische Fälschung von Einspielungen der englischen Pianistin Joyce Hatto. – Wolfgang Schlüter verarbeitet sie in seinem Roman in einer raffinierten Komposition: Der des Hausfriedensbruchs und Totschlags angeklagte Doktor Abendroth erzählt die Geschichte um die merkwürdigen Aufnahmen der Pianistin Ellen Swindon seiner Gutachterin. Geschickt verschränkt und verflicht Schlüter diese Geschichte mit den Protokollen der Sitzungen der Psychiaterin, in denen Abendroth seine Lebensgeschichte ausbreitet. Dass die sich stark an die Biografie des Autors anlehnt, zeugt von dessen Mut. Denn der hoch neurotische Doktor Abendroth ist nicht unbedingt ein Sympathieträger. Aber das sollen Romanfiguren ja auch nicht sein. Hauptsache, sie verbürgen eine witzige Geschichte.

WDR 5 Bücher 7. September 2019