Affen im Abgastest

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Der landläufigen Auffassung zum Trotz hatte der ansonsten dem Pessimismus verpflichtete Philosoph Arthur Schopenhauer nicht nur ein Herz für seinen Pudel, sondern für alle Tiere. Für ihn war es eine „über alle Zweifel erhabene Wahrheit“, dass die Tiere im Wesentlichen ganz dasselbe sind wie wir. „Die Welt ist kein Machwerk und die Tiere kein Fabrikat zu unserem Gebrauch“, schrieb er. Deshalb sei es eine „himmelschreiende Ruchlosigkeit“, sie zwecklos zu töten, zu verstümmeln oder zu martern.

Nach den jüngsten Zahlen des Bundeslandwirtschaftsministeriums wurden im letzten Jahr fast drei Millionen Tiere für Tierversuche „verwendet“. Weitere 740.000 Tiere tötete man ohne Tests, um ihnen Organe oder Zellmaterial zu entnehmen. Diese Zahlen bewegen sich seit Jahren auf dem gleichen Niveau und es ist trotz mancher Tierschützer-Proteste allgemeiner ethischer Konsens, dass das Leiden von Tieren in Kauf zu nehmen ist, solange es dem Fortschritt der Wissenschaft dient. – Eine Zahl im Bericht des Landwirtschaftsministeriums macht allerdings stutzig: Die Zahl der zu Versuchen verwendeten Affen ist deutlich gestiegen, von zweieinhalb Tausend Tieren im Vorjahr auf fast dreieinhalb Tausend im Jahr 2017.

Affenversuche gelten als äußerst problematisch. Und das nicht erst, seit bekannt wurde, dass der VW-Konzern in den USA Tests durchführen ließ, in denen Affen stundenlang Auspuffgase einatmen mussten. Die Versuche sollten beweisen, wie wenig schädlich die moderne Abgastechnik sei…  – In Deutschland sterben im Jahr 1.500 Affen an äußerst qualvollen – und oft sinnlosen Versuchen. Vor allem die Hirnversuche sind unvorstellbar brutal: Die Affen werden fixiert, dann bohrt man ihnen ein Loch in den Schädel, um zu beobachten, wie ihr Hirn auf Aufgaben reagiert. Der „Nutzen“ solcher Experimente gilt als sehr zweifelhaft, weil der Unterschied zwischen Menschen- und Affengehirnen zu groß ist.

Alle solche Versuche müssen durch entsprechende staatliche Behörden geprüft und genehmigt werden. Doch fragt sich, was man sich dort von einer so deutlichen Steigerung der ohnehin fragwürdigen Experimente verspricht. Und überhaupt stellt sich die Frage, wie weit das Staatsziel Tierschutz in die Köpfe der Verantwortlichen in Ämtern und Ministerien vorgedrungen ist. Im Grundgesetz verankert ist es zwar schon seit 2002, doch hat sich seither an der realen Situation der Tiere kaum etwas geändert. Nach wie vor werden Millionen männlicher Küken getötet. Bis 2017 wurden Millionen Legehennen schmerzlich die Schnäbel kupiert, obwohl das schon seit 1986 laut Tierschutzgesetz verboten ist. Und auch in den kommenden zwei Jahren werden Ferkel weiter ohne Betäubung kastriert, obwohl die Große Koalition das von 2019 an verbieten wollte. Die Agrarlobby hat sich durchgesetzt.

Nicht durchgesetzt hat sich Arthur Schopenhauer, der in seiner Preisschrift über die Grundlage der Moral schrieb: „Die vermeintliche Rechtlosigkeit der Tiere, der Wahn, dass unser Handeln gegen sie ohne moralische Bedeutung sei, ist geradezu eine empörende Rohheit und Barbarei.“ Das war 1841.

WDR 3 Resonanzen 20.Dezember 2018