Paul Beatty, Der Verräter

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Paul Beatty, Der Verräter. Roman. Aus dem Amerikanischen von Henning Ahrens. Luchterhand 2018. 349 Seiten. 20 Euro

Aus dem Mund eines Schwarzen klingt das sicher unglaublich, aber ich habe nie geklaut. Habe nie Steuern hinterzogen oder beim Kartenspiel betrogen. Ich bin nie in eine Wohnung eingebrochen. Habe nie einen Schnapsladen ausgeraubt. Habe mich in vollbesetzten Bussen oder U-Bahnen nie auf einen Platz für Senioren gepflanzt, meinen gigantischen Penis herausgeholt und mir lüstern, aber auch leicht zerknirscht einen runtergeholt. Dennoch sitze ich hier in den Katakomben des Obersten Gerichtshofs der Vereinigten Staaten von Amerika, die Hände in Handschellen auf dem Rücken.

Warum Heros, so nennt sich der Ich-Erzähler dieses absolut irren Romans, dort sitzt, und zwar voll bedröhnt sitzt, das wird ihm der Richter gleich noch um die Ohren hauen. Vorab aber kann allein schon aufgrund der Herkunft und der Sozialisation dieses Mannes auf unschuldig plädiert werden. Denn erstens kommt er aus Dickens, dem heruntergekommensten Schwarzen-Ghetto von Los Angeles, wo außer ihm jeder auf ein kilometerlanges Vorstrafenregister blickt. Und zweitens bescherte ihm sein Vater, ein (natürlich ebenfalls schwarzer) Psychologieprofessor, eine überaus grausame Kindheit. Denn er missbrauchte ihn zu erniedrigenden verhaltenspsychologischen Experimenten, die sich um schwarze Identität und den alltäglichen amerikanischen Rassismus drehten. So herzlos der Vater mit dem Sohn umsprang, so beliebt war er im Viertel. Immer, wenn ein Schwarzer in Not geriet, einen Mord oder Selbstmord begehen wollte, rief man ihn. Und kaum legte er besänftigend seinen Arm um den Betroffenen, ließ der von seinem Vorhaben ab. Bis er eines Tages an ein paar streitende weiße Polizisten geriet. Da funktionierte seine Überredungskunst nicht und sie erschossen ihn kurzerhand.

Erwachsen geworden, beschließt Heros in die Fußstapfen seines Vaters als „Niggerflüsterer“ zu treten. Und schlägt dazu eben jenen Weg ein, der ihn vor den obersten Gerichtshof bringt.

Der schwarze Richter schiebt den Mund zu dicht ans Mikro, brüllt hinein. Er will wissen wie ein schwarzer Mann heutzutage dazu komme, das geheiligte Prinzip des Dreizehnten Zusatzartikels zu verletzen, indem er sich einen Sklaven halte. Wie könnte ich, fragt er, den Vierzehnten Zusatzartikel vorsätzlich ignorieren, noch dazu mit dem Argument, Rassentrennung bringe die Menschen einander näher.

Aber, so unwahrscheinlich es klingt: Heros Rassentrennungs-Experiment war ein voller Erfolg. Mit Hilfe seines Sklaven Hominy, von dem noch die Rede sein wird, verteilte und verkaufte er in sämtlichen Läden von Dickens Schilder mit der Aufschrift NUR FÜR SCHWARZE, ASIATEN UND LATINOS oder KEIN ZUTRITT FÜR WEISSE. Die Leute reißen ihnen die Schilder aus den Händen. Daraufhin führen Heros und Hominy auch in Bussen die Trennung von weißen und schwarzen Sitzplätzen wieder ein, und gründen mitten im Schwarzenviertel eine rein weiße Mittelschule. Und wieder ist das Publikum in Dickens begeistert. Das verdankt sich jedoch vor allem der Tatsache, dass es Heros gelang, ausgerechnet Hominy zu seinem Sklaven zu machen, – auf freiwilliger Basis, versteht sich. Denn Hominy ist eine Legende im Viertel. Der wie ein Heiliger verehrte, einzige überlebende Schauspieler der von 1922 an gedrehten Kurzfilmserie „Die kleinen Strolche“: Er war das schwarze Kind mit den weit aufgerissenen Augen und den wie elektrisiert zu Berge stehenden Kraushaaren, dem, wenn es erschreckt wirken sollte, die Filmemacher weiße Farbe ins Gesicht schmierten.

Manchmal beneide ich Hominy um seine Weltvergessenheit, egal ob gespielt oder nicht. Denn im Gegensatz zu Amerika hat er eine neue Seite aufgeschlagen. „Master, ich finde, Sie sollten wissen, dass ich nächste Woche Geburtstag habe.“ Ich hatte geahnt, dass irgendwas im Busche war. Nur: Was schenkt man einem Sklaven, der nicht mal seine Freiheit haben will?

An der Wahl dieser Figur zeigt sich der abgründige Humor dieser giftigen, den allgegenwärtige Rassismus in den USA aufs Korn nehmenden Satire. Denn Hominys reales Vorbild, Ernie „Sunshine Sammy“ Morrison, ist ein Musterbeispiel für die Ambivalenz schwarzer Emanzipation in Amerika. Er war der erste schwarze Schauspieler in der Geschichte Hollywoods, der einen langfristigen Vertrag bekam. Er war der erste schwarze US-Millionär. Und: Er nahm nach dem 2. Weltkrieg keine Rollen mehr an, weil er für die weißen Rassisten nicht weiter den Bimbo machen wollte.

Dass in den USA ausgerechnet auf den ersten schwarzen Präsidenten eine unfassbare Welle von Rassismus folgte und nicht zu versiegen scheint, ist die Pointe, auf die Paul Beattys Roman reagiert. Der beschränkt sich allerdings nicht auf das Erzählen des absurden Sozialexperiments von Heros und Hominy, ist viel mehr als bloß eine Geschichte. Denn Paul Beatty kommt vom Poetry-Slam und sieht sich gleichzeitig in der Tradition der Beatnik-Lyriker der 50er Jahre. Sein Erzählstil folgt den Rhythmen eines Raps, mit ganzen Kaskaden oft ins völlig Sinnlose abgleitender Aufzählungen, einer endlosen Suada von Anklagen und Beschimpfungen traktiert er den Leser. Manchmal ist das schon sehr harte Kost. Dafür aber wird man auf fast jeder Seite durch einen guten Witz belohnt.

Hominy steht hinter mir. Ich habe ihn gar nicht bemerkt, und er äfft mich nach und drückt mir mit rissigen Leberlippen einen Kuss auf den Mund. „Was soll die Scheiße, Hominy?“ „Ich kündige.“ „Was kündigst du?“ „Den Sklavenjob. Morgen verhandeln wir über die Reparationszahlungen.“

WDR 3 Mosaik 4. Februar 2019