Kulturpaternalismus oder demokratische Anstrengung

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Kann der Erfinder eines Katers, der seinen menschlichen Besitzer als „Dosenöffner auf zwei Beinen“ bezeichnet, ein schlechter Autor sein? Ja, kann er. Er kann jedenfalls dazu werden. Akif Pirincci schreibt seit einiger Zeit schon keine witzigen Katzenkrimis mehr, sondern produziert nur noch rassistische, frauenfeindliche und homophobe Pamphlete. Und hat auch damit Erfolg. Sein Buch „Deutschland von Sinnen“ landete 2014 auf Platz eins der Amazon-Bestseller-Liste. Für den Leiter der Stadtbibliothek Duisburg war das der Anlass, sämtliche Bücher Pirinccis aus dem Bibliotheksbestand zu entfernen. Auch dessen Katzenkrimis. Es gebe, so lautete die Begründung, keine Trennung zwischen dem Autor harmloser Kriminalromane und politisch fragwürdiger Sachbücher. – Folgten alle Bibliotheken diesem Argument, suchte man darin vergeblich nach vielen Titeln der Weltliteratur, etwa denen von Louis-Ferdinand Céline.

Die Entscheidung darüber, welche politischen Titel in eine öffentliche Bibliothek gehören oder nicht, war bisher mehr oder weniger in das Belieben der Bibliothekare gestellt. Abgesehen von expliziter Nazi-Literatur wie „Mein Kampf“, für die es eindeutige juristische Richtlinien gab bzw. gibt. Die Masse von sogenannten Sachbüchern, mit der die ideologische Offensive der Rechtsextremen derzeit den deutschen Büchermarkt flutet, bietet hinreichend Anlass, diese Frage neu zu diskutieren. Auf dem letzten Deutschen Bibliothekartag war sie ein großes Thema. Die paternalistische Entmündigung und Bevormundung der Leser, wie sie die Duisburger Stadtbibliothek betrieb, gehörte da zur Minderheitenmeinung. In der Rolle des Zensors sehen sich die wenigsten Bibliothekare. Doch müssen sie stattdessen zu Erfüllungsgehilfen der „Nachfrage“ und des Publikumsgeschmacks werden? Das in ihre Bestände einstellen, was die Bestsellerlisten vorgeben? Ohne hinzusehen, den neuen Sarrazin, Gauland, Pirincci oder andere islamophobe Verschwörungstheorien einkaufen?

Öffentliche Bibliotheken können sich den Luxus politischen Geschmacks, wie Buchhandlungen oder darin vorlesende AutorInnen ihn pflegen, nicht leisten. Sie müssen die informationelle Grundversorgung der Bürger garantieren. Und dazu gehören auch Werke aus rechten Verlagen und von unappetitlichen Autoren. Die Frage ist dabei aber erstens, ob sie alles wahllos bestellen sollen, was die Bestsellerlisten ihnen diktieren. Wesentlicher aber ist die Frage, wie und wo sie diese Bücher in ihren Bibliotheken einstellen. Sarrazins „Feindliche Übernahme“ etwa einfach ins Regal neben andere Titel zur aktuellen politischen Situation zu stellen, entspräche exakt der Strategie der rechten Ideologen. Deren Ziel ist es, in den politischen Kanon einzusickern und damit den Anschein zu erwecken, sie gehörten zum demokratischen Spektrum.

Die Alternative ist einfach und wird schon von einigen Bibliotheken praktiziert: Sie „kontextualisieren“ die rechten Titel. D.h. sie bieten bei ihrem Erscheinen Diskussionsveranstaltungen an und stellen sie anschließend zu Büchern ins Regal, die den Lesern eine Überprüfung der darin aufgestellten Behauptungen ermöglichen. Eine so verstandene „informationelle Grundversorgung“ erfordert Aufmerksamkeit und Mühe. Anstrengung also. Aber Demokratie und vor allem ihr Bewahren ist halt – anstrengend.

WDR 3 Mosaik 04.03.2019