Verbieten verboten

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Jetzt ist es so weit! Selbst im Freien darf man nicht mehr rauchen. Wenigstens nicht mehr in Paris. Seit dem Pfingstwochenende ist in 52 öffentlichen Pariser Parks das Rauchen verboten. – Wasser auf die Mühlen des Wiener Philosophen Robert Pfaller, der in seinen Büchern die Lustfeindlichkeit der „Eliten der Empfindlichkeit“ mit Hohn überzieht. Verbotsbefürwortern des Rauchens attestiert er „Neid auf das Glück der Anderen“, vor allem auf deren „oralen Genuss“. Verbunden mit dem „Hass auf das Neidobjekt“, die Zigarette eben.

Die Pariser Stadtverwaltung sieht das naturgemäß anders. Sie will mit ihrer Maßnahme nicht bloß den Müll in den Parks, sondern vor allem den Zigarettenkonsum reduzieren. Ein Drittel der Franzosen raucht immer noch, jährlich sterben 73.000 Franzosen an den Folgen. Wenn Aufklärung und pädagogisierende Bevormundung nicht mehr helfen, müssen eben Verbote ran.

In Deutschland waren die Grünen schon immer dieser Auffassung. Der Philosoph Robert Pfaller würde sie umstandslos als Nachfahren der prüden, engstirnigern Puritaner des 17. Jahrhunderts bezeichnen. So jedenfalls – mit einem Hang zur moralischen Überheblichkeit – präsentierten sie sich in der Vergangenheit auch dem Wahlpublikum. Das strafte sie im Veggie-Day-Jahr 2013 dafür empfindlich ab und verpasste ihnen den Ruf einer „Verbotspartei“. Seitdem haben sie sich meist vom kleinen Karo fern gehalten. – Bis jetzt. Jetzt haben die Grünen wieder das Verbieten entdeckt. In Berlin wollen sie zu Silvester das private Böllern verbieten. Schottergärten wollen sie verbieten und in Grünflächen umwandeln. Wegwerfbecher wollen sie verbieten und durch Pfandbecher ersetzn. Und Amazon wollen sie verbieten, fabrikneue Retourware zu vernichten.

Zurück zum Kleinkarierten? Beflügeln Wahlerfolge und Umfragehochs die Grünen so, dass sie glauben, von den Wählern ungestraft zu ihrem sauertöpfisch humorfreien Rigorismus und flächendeckendem Verbieten zurückkehren zu können? – Deutet nicht eher vieles darauf hin, dass in der gesellschaftlichen Wahrnehmung das Verbot allmählich seinen schlechten Ruf verliert? Die Einsicht Platz greift, dass es strengerer Regeln, Verbote eben bedarf, um den Folgen eines entfesselten globalen Kapitalismus Herr zu werden. Und damit auch die damit unmittelbar zusammenhängenden eigenen Konsumgewohnheiten sich ändern müssen. Und was spricht in einer Gesellschaft von Selbstoptimierern, die sich ohnehin tausend Verbote auferlegen, noch gegen ein bisschen äußeren Zwang?

Man braucht kein Fan der Grünen zu sein, um einzusehen, dass es allein angesichts der drohenden Klimakatastrophe richtig und nötig ist, das politische Tabu des Verbots ad acta zu legen. Jedem sei sein Hedonismus und dem Philosophen Robert Pfaller seien seine Zigaretten gegönnt. Doch entgegen den liberalen Versprechungen gibt es keine schrankenlosen individuellen Freiheiten. So bitter es auch ist, statt rauchend durch den Jardin du Luxembourg zu wandeln, vorher seine Kippe in einem öffentlichen Aschenbecher entsorgen zu müssen.

WDR 3 Resonanzen 12. Juni 2019