Magische Objekte

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Der Chefdesigner von Apple, Jonathan Ive, hat gekündigt. Er habe sich, heißt es, darin verrannt, nur noch magische Objekte zu kreieren.

In seinen 1957 erschienen „Mythen des Alltags“ schrieb Roland Barthes über den „neuen Citroen“, er glaube, dass das Auto heute das genaue Äquivalent der großen gotischen Kathedralen sei: Eine große Schöpfung, die mit Leidenschaft erdacht wurde und „von einem ganzen Volk benutzt wird, das sich in ihr ein magisches Objekt zurüstet und aneignet.“ – Was damals für den Citroen D.S. – französisch spricht sich D.S. wie deesse, Göttin, aus, – gilt heute für das iPhone. Es ist ein „magisches Objekt“. Weit  wichtiger als sein Gebrauchs- ist sein symbolischer Wert. Der hängt nur mittelbar davon ab, dass es maßlos überteuert ist. Denn in ihm wie auch in den anderen Produkten der Firma Apple verkörpert sich der Zeitgeist.

Natürlich liegt es nahe, über die weltweit 1,4 Milliarden Apple-Besitzer zu spotten, die auf den ältesten Trick der Werbeindustrie hereinfallen, ihre Produkte mit luxuriösen Lebensstilanmutungen auszustatten. Also dem Warenfetischismus auf den Leim gehen, der suggeriert, Gebrauchgegenstände hätten ein eigenes Leben. – Weit interessanter als solche Konsumkritik ist die Frage, wie, auf welche Art und Weise es den Herstellern und Vertreibern „magischer“ Gebrauchsgegenstände gelingt, ihren Produkten eben diese Magie zu verschaffen. Beim Citroen D.S. war es, wie Roland Barthes beschreibt,  die Glätte und scheinbare Fugenlosigkeit der Karosserie, die das Auto als ein wie vom Himmel gefallenes und nicht mehr wie ein von Menschenhand gemachtes Ding erscheinen ließ. „Christi Gewand war ohne Naht, wie die Weltraumschiffe der Science Fiction aus fugenlosem Metall sind.“ Und genau das ist auch das Ideal des Apple-Designers Jonathan Ive: Der äußerst verdichtete, fugenlos glatte Körper seiner Produkte, ihre Schönheit also macht sie zu mythischen – und deshalb begehrenswerten Objekten.

Durch das Design hat sich das Schöne in die Welt der alltäglichen Dinge verbreitet. Gebrauchgegenstände sind nicht mehr nur Gebrauchsgegenstände, sie müssen vor allem ästhetisch betören. Und wie Schmuckstücke dienen sie vor allem der Verschönerung unserer selbst. Und damit unserer Selbstliebe. Die Magie solch attraktiver Dinge beruht auch darauf, dass wir sie lieben. Das ist der größte Trick von Steve Jobs und Jonathan Ive gewesen: Dass sie ihre Kunden dazu gebracht haben, ihre Telefone nicht nur überirdisch schön zu finden. Sie brachten sie dazu, sie zu streicheln.

Nichts spricht gegen die Liebe zu den Dingen. Und wenn Gebrauchsgegenstände menschliche Eigenschaften annehmen und deshalb zu Liebesobjekten werden können, spricht das auch nicht gegen diese Gebrauchgegenstände. Wenn es sich dabei allerdings um Telefone handelt, wird es etwas komplizierter. Denn Telefone sind ja eigentlich dazu gedacht, mit anderen Menschen zu kommunizieren. Wird das Telefon aber zum Liebesobjekt, liegt die Verführung nahe, nur noch mit ihm zu kommunizieren.

WDR 3 Resonanzen 1. Juli 2019