David Rousset, Das KZ-Universum

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David Rousset, Das KZ-Universum. Aus dem Französischen von Olga Radetzkaja und Volker Weichsel. Mit einem Nachwort von Jeremy Adler. Suhrkamp Verlag/Jüdischer Verlag 2020. 141 Seiten. 22 Euro

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Im Oktober 1943 wurde der 31-jährige französische Widerstandskämpfer David Rousset von der Gestapo verhaftet und ins Konzentrationslager Buchenwald deportiert. Von dort brachte ihn die SS ins KZ Neuengamme und in dessen Außenlager Helmstedt, dann schickte sie ihn auf einem der „Todesmärsche“ ins Lager Wöbbelin. Das wurde am 2. Mai 1945 von den Alliierten befreit. Im Dezember des gleichen Jahres, zurück in Frankreich, diktierte Rousset seiner Frau seinen Erfahrungsbericht über seine KZ-Aufenthalte. Er hatte genug gesehen und erlebt, um den eigentlichen Sinn der Konzentrationslager zu begreifen: Die Zerstörung der Würde der Inhaftierten.

Die KZler haben die obsessive Präsenz einer allgegenwärtigen Ungewissheit erlebt, die Erniedrigung durch Schläge, die Schwäche des Körpers unter der Peitsche, die Verheerungen des Hungers. Sie haben über Jahre in den phantastischen Kulissen einer Welt gelebt, in der alle Würde vernichtet war.

Rousset hatte aber auch genügend viele Konzentrationslager gesehen, um es nicht nur bei einem persönlichen Erfahrungsbericht zu belassen. Er unternahm den Versuch, das ganze System der deutschen Konzentrationslager zu beschreiben und zu analysieren. Entsprechend nannte er seinen Bericht „L’Univers concentrationnaire“, „Das KZ-Universum“. In dieser Absicht traf er sich mit dem deutschen Soziologen Eugen Kogon, der sechs Jahre als Häftling in Buchenwald verbracht hatte und der in der gleichen Zeit, nämlich im Dezember 1945, an seinem „Der SS-Staat. Das System der deutschen Konzentrationslager“ schrieb. Beide Bücher wurden ein Jahr später, 1946, veröffentlicht. Dass aus Kogons Buch ein umfassendes und heute noch gültiges Standardwerk wurde, Roussets Buch aber unterging, liegt auch an den ungleichen Voraussetzungen der Verfasser: Kogon besaß als „Funktionshäftling“ in Buchenwald nicht nur sehr viel genauere Einblicke in die innere Organisation des Lagers. Er hatte zudem nach der Befreiung im Auftrag der Alliierten eine systematische, auf Erlebnisberichten von 120 anderen Gefangenen und anderen Dokumenten beruhende Untersuchung verfasst. Rousset dagegen konnte nur auf das eigene Erleben zurückgreifen. Sein Bericht ist entsprechend viel knapper, sehr viel weniger systematisch und in vielem auch ungenau, wenn nicht fehlerhaft. Beispielsweise lässt er das Schicksal der Juden in den deutschen Konzentrationslagern vollkommen außer Acht. Immerhin aber erfasste er den industriellen Charakter der Lager und das perfide Wesen der inneren Lagerorganisation, nämlich, dass die SS ihre Herrschaft an die Gefangenen selbst und darunter vorzugsweise an die Kriminellen delegierte. 

Die Kriminellen sind für das Lageruniversum unentbehrlich; sie stellen sicher, dass die seelische Zerstörung niemals endet. Sie tun allein schon aufgrund ihrer zahlenmäßigen Stärke, was sie wollen. Sie machen jede Solidarität unmöglich und falsch. Sie etablieren Gewalt und Hinterlist als einzige natürliche Beziehung zwischen Menschen.

Rousset eigene Erlebnisberichte aus dem Lagerleben sind plastisch, detailliert und allemal erschütternd. Allerdings fehlt seinem Bericht insgesamt die Nüchternheit, die Kogons Untersuchung auszeichnet. Und auch die analytische Schärfe, der es für die intellektuelle Durchdringung des Phänomens der nationalsozialistischen Konzentrationslager bedarf. Das ist nicht nur durch die zeitliche Nähe zum Erlebten zu erklären, sondern liegt wesentlich an der Terminologie Roussets, die er aus dem christlich-biblischen Kontext bezieht. So bezeichnet er die KZ-Peiniger als „zynische Priester“ oder „grimmige Opferpriester“ bei der Verrichtung von „Bußübungen“. Die SS als die „physische Verkörperung der Macht des Bösen“ und die Konzentrationslager als „komplexe Sühnemaschinerie“. Mit solch religiös aufgeladenen Begriffen ist das Wesen faschistischer Terrorherrschaft nicht zu erfassen. Hinzu kommt, dass er oft in expressiver Manier seine literarischen Vorbilder Alfred Jarry und Franz Kafka paraphrasiert, um die Situation in den Konzentrationslagern als „absurd“ zu beschreiben. 

Bizarre Figuren mit phantastisch vergrößerten Schatten, aus klaffendem Schlund dringt verrenktes Gelächter: Grotesker, sturer Überlebensdrang. Der Geist König Ubus schwebt über dem Lager Buchenwald, lebt im Zeichen eines monströsen Humors, einer tragischen Komik. Unwirkliche Bahnsteige im Morgengrauen, im ungefilterten, neutralen Flutlicht, großspurige SS-Leute in Stifeln, den Gummi am Handgelenk; bellende Hunde an lockerer Leine.

Roussets Buch ist ein beeindruckendes, wichtiges Zeitzeugnis: Einer, der gerade dem absoluten namenlosen Schrecken entkam, versuchte, dem einen Namen zu geben. Das ist ihm nur zum Teil gelungen, nämlich in den Schilderungen des von ihm selbst erlebten Schreckens. Doch sein Versuch, über ihn aufzuklären, schlägt infolge der von ihm dazu benutzten Sprache um ins Gegenteil, dämonisiert die Schreckensherrschaft, macht sie zu einem Mysterium. 

WDR 3 Mosaik 27. März 2020