Albert Camus, Das Exil und das Reich

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Albert Camus, Das Exil und das Reich. Gesammelte Erzählungen. Aus dem Französischen von Guido G.Meister. Rowohlt Taschenbuch. 205 Seiten. 14,00 Euro

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In seinem letzten noch zu Lebzeiten veröffentlichten Erzählungsband variiert Albert Camus Themen seiner Philosophie des Absurden. Doch statt exemplarischer Geschichten mit eindeutiger Moral erzählt er realistisch und stilistisch brillant von ausweglosen Alltagssituationen.

Nur widerwillig begleitet in der Erzählung „Die Ehebrecherin“ Janine ihren Ehemann auf eine beschwerliche Geschäftsreise hinaus zu einer Oase in der algerischen Wüste. Andererseits gibt es nichts, was sie zu Hause gehalten hätte. Die Ehe ist kinderlos und sie verbringt ihre Tage mit eintöniger Hausfrauengeschäftigkeit. – Im Hotelbett kann sie nicht schlafen. Leise steht sie auf, durchquert die nächtliche Oasenstadt und steigt auf eine Aussichtsplattform. Als sie vor der Stadt ein Nomadenlager erblickt, beginnt sich in ihr ein von den Jahren der Langeweile geschürzter Knoten langsam zu lösen.

Eine Handvoll Menschen, die nichts besaßen, aber niemandem hörig waren, elende und freie Herren eines fremdartigen Reiches. Janine wusste nicht, warum diese Vorstellung sie mit einer so sanften und allumfassenden Traurigkeit erfüllte, dass sie die Augen schließen musste. Sie wusste nur, dass ihr dieses Reich von Anbeginn der Zeiten verheißen war und dass sie es dennoch nie besitzen würde, nie mehr, außer vielleicht in diesem flüchtigen Augenblick.

Wie Janine gelangen alle Protagonisten der sechs Erzählungen an einen Punkt in ihrem Leben, an dem sie sich entscheiden könnten, so weiter zu machen wie bisher oder einen anderen Weg einzuschlagen. Yvars, Arbeiter in einer kleinen Fassfabrik, wird nach einem Streik zum Chef bestellt. Der bietet zwar nicht mehr Lohn, will sich aber mit der feindlich schweigenden Belegschaft wieder versöhnen. Daru schließlich, Dorfschullehrer in einer algerischen Einöde, bekommt Besuch vom Dorfpolizisten. Der bringt ihm einen des Mordes verdächtigen Araber. Weil Aufstände drohen, kann er sich nicht selbst um ihn kümmern, Daru soll den Mann ins nächste Gefängnis bringen. In den sechs eigens für den Band „Das Exil und das Reich“ geschriebenen Erzählungen variiert Albert Camus das Motiv seiner „Philosophie des Absurden“ in unterschiedlichen alltäglichen Situationen. In dieser Philosophie geht es darum, die Sinnlosigkeit der Existenz zwar zu akzeptieren, trotzdem aber immer wieder dagegen zu rebellieren. – Im Vorwort zu einer älteren Ausgabe des Erzählungsbandes präzisiert Camus seine damit verfolgte Intention.

Was das Reich angeht, von dem auch im Titel gesprochen wird, so fällt es zusammen mit einem gewissen, freien und nackten Leben, das wir wiederfinden müssen, um endlich neugeboren zu werden. Das Exil weist uns auf seine Weise die Wege dahin, unter der einen Bedingung, dass wir dabei sowohl die Knechtschaft als auch Besitzergreifung abzulehnen vermögen.

Den Protagonisten der Erzählungen bietet sich die Möglichkeit, die Falschheit ihres bisherigen Lebens zu erkennen und sich für die „Freiheit“ zu entscheiden. – Diese philosophische Vorgabe könnte dazu verführen, aus den Erzählungen exemplarische Geschichten mit einer eindeutigen Moral zu machen. Camus widersteht dieser Versuchung und erweist sich als ein souveräner realistischer – und sprachlich brillanter Erzähler. Er belässt seine Protagonisten im Dilemma ihrer verfahrenen Situation: Die Freiheit scheint ihnen zwar auf, ob sie sie ergreifen, bleibt unerzählt. – Der Arbeiter Yvars entscheidet sich dafür, den Chef weiter mit trotzigem Schweigen zu bestrafen.

„Ach, er ist selber schuld!“, sagte er. – Er hätte jung sein mögen mit einer noch jungen Fernande, und sie wären fortgezogen, übers Meer.

In dem Konflikt, dem der Dorfschullehrer Daru in der Erzählung „Der Gast“ ausgesetzt ist, spiegelt sich Albert Camus eigenes – politisches – Dilemma. Obwohl er während des Algerienkrieges mit der Unabhängigkeitsbewegung sympathisierte, konnte er als ein in Algerien geborener Franzose sich nicht für die völlige Unabhängigkeit des Landes entscheiden. Auch, weil seine Mutter dort noch lebte. Das machte ihn – wie Daru – für beide Seiten zum „Verräter“. – Nachdem der Dorfpolizist einfach gegangen ist, muss der Lehrer selbst entscheiden, ob er den Araber ins Gefängnis bringt oder nicht. Er begleitet ihn zu einer Wegkreuzung, wo der Mann sich erstaunlicherweise für den Weg ins Gefängnis entscheidet. Wieder zu Hause in der Schule angekommen, findet Daru eine an die Tafel geschriebene Drohung.

„Du hast unseren Bruder ausgeliefert. Das wirst du büßen.“ Daru sah den Himmel, die Hochebene und was sich unsichtbar dahinter bis zum Meer erstreckte. In diesem weiten Land, das er so sehr geliebt hatte, war er allein.

WDR 3 Kultur am Mittag 12. Juli 2023