Herta Müller, Eine Fliege kommt durch einen halben Wald

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Herta Müller, Eine Fliege kommt durch einen halben Wald. Hanser. 128 Seiten. 24 Euro.

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Zum 70. Geburtstag Herta Müllers am 17. August hat ihr Verlag ein Band mit ihren Reden, Essays und Prosatücken aus den letzten 10 Jahren herausgegeben. Eine Hommage, die eindrucksvoll die Prägnanz und Aktualität ihres Denkens und Erzählens belegt.

Im Schaufenster der Konditorei stehen jahrelang als einzige Dekoration drei Glasdosen nebeneinander. In der einen sind bunte Bonbons, in der zweiten Rasierklingen und in der dritten Streichholzschachteln. Warum gerade diese drei? Und dann ausgerechnet in der Konditorei? Eine ironische Anspielung auf die sozialistische Mangelwirtschaft? – Wir sind im rumänischen Temeswar der 1980er Jahre. – Für die Ich-Erzählerin ist die merkwürdige Auswahl und Anordnung dieser Dinge Anlass für ein ausuferndes subversives Gedankenspiel, ein „Sprechen in den eigenen Kopf“.

Mit der Sprache im Kopf an den äußersten Rand der Dinge gehen gab den Eindruck, die Welt, die durch die absurde Leblosigkeit der Diktatur für immer eingerichtet war, zu verändern. Da die Veränderung nur im Kopf und keinen Zentimeter jenseits davon passierte, war es Täuschung, was ich mit mir spielte. Aber nicht nur.

Denn: Aus diesen Gedankenspielen wird Schreiben, aus dem Schreiben Literatur und damit eine eigene, widerständige Wirklichkeit. – In ihrem neuen Buch erzählt Herta Müller über die Entstehung und die Entstehungsbedingungen dieser ihrer literarischen Wirklichkeit. Auch wenn die Mehrzahl der Texte Essays und Reden sind und mehr oder weniger abstrakte Themen haben, – von der Menschenwürde im Grundgesetz bis zum Umgang der Deutschen mit Vertreibung und Exil: Diese Autorin denkt und schreibt niemals in Abstraktionen. Immer bleibt sie anschaulich und bildreich und wie in ihrem gesamten Werk bindet sie auch hier jede ihrer Überlegungen zurück an ihre Biografie während und nach der Diktatur.

Ich lebte über 30 Jahre in der rumänischen Diktatur Ceausescus, bis ich 1987 nach Deutschland kam. Von dort habe ich so viel gestohlene Lebenszeit mitgebracht, dass ich diese bis heute zurückstehlen muss, indem ich davon erzähle.

Wenn Herta Müller eine Rede zu Toleranz und Menschenwürde hält, dann erzählt sie davon, wie sie in der Fabrik, in der sie in Rumänien arbeitete, drangsaliert und isoliert wurde, weil sie sich weigerte, ihre Kollegen für den Geheimdienst zu bespitzeln. Und sie erzählt davon, dass der Beamte der deutschen Einwanderungsbehörde zur Erlangung der Staatsbürgerschaft von ihr verlangte, den Nachweis der SS-Angehörigkeit ihres Vaters beizubringen. Sie weigerte sich, denn sie schämte sich dafür.

Der Beamte sagte: Aber Sie sind doch sein Kind. Und ich sagte: In dieser Hinsicht nicht.

Der eindringlichste, poetischste und gleichzeitig auch traurigste Text ist das titelgebende Prosastück von der Fliege, die durch einen halben Wald kommt. Es ist eine Liebesgeschichte. Sie handelt von einer 56jährigen Fabrikarbeiterin, die alleine lebt, nachdem ihr Mann vor 30 Jahren verschwand. Seitdem existiert die Welt für sie nur noch zur Hälfte, ist halb wie ein halber Wald. Wenn sie Kartoffeln macht, nimmt sie zwei. Die eine schält sie, die andere legt sie zurück in den Korb. Wenn sie ihr Kissen ausschüttelt, denkt sie daran, dass, „wenn es anders wäre“, sie zwei Kissen ausschüttelte. Wenn nachts im Treppenhaus der Fahrstuhl quietscht, wacht sie auf.

Wenn er morgen Nacht im Fahrstuhl wäre, dann wär ich nichts als eine fremde Straßenecke. Eine Verabredung wär ich, von der ich nichts mehr weiß. Und er wäre nichts als ein schreckliches Glück. All die Jahre zwischen uns gelten auch für ihn. Ich glaub, ich habe ihm, um sich zu melden, die Jahre zwischen uns gegeben. Aber nie einen Ort.

So belegen diese Texte wieder einmal eindrucksvoll, dass die Tiefe und die Genauigkeit von Herta Müllers Denken und Schreiben ihresgleichen in der zeitgenössischen deutschen Literatur suchen.

WDR5 Bücher 12. August 2023