Das Ende des Journalismus?

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Sollte ausgerechnet der auf brutales Sanieren spezialisierte Finanzinvestor KKR einen Sinn für Ironie haben? Anders ist kaum zu erklären, warum er seine Tochterfirma, die jetzt für fast anderthalb Milliarden Euro beim Springer-Konzern einsteigt, Traviata nannte? Bekanntlich ist das der Name einer Opernfigur, die an Schwindsucht starb. Und den Journalismus bei Springer an Schwindsucht sterben zu lassen, ist offenbar das Ziel des Investors. Jedenfalls befürchten das – mit einiger Berechtigung – die meisten Beobachter. Denn im Angebot des Investors heißt es, man wolle die „Welt“-Gruppe zwar fortführen. Allerdings nur unter der Voraussetzung einer „angemessenen Steuerung der jährlichen Ergebnissituation“. Aus der Investoren-Sprache übersetzt heißt das nichts anderes als: Kaputtsparen.

„Welt“ und „Welt am Sonntag“ sind die einzigen noch im Springer-Konzern verbliebenen journalistisch relevanten Geschäftsbereiche. Beide schreiben seit längerem aber schon tief rote Zahlen. Die Auflagen sind rückläufig. Dort zu sparen kann also nur bedeuten, ihre journalistische Qualität herunterzufahren oder – sie als Printmedien ganz aufzugeben. Flugs gab der Springerkonzern deshalb eine – allerdings zeitlich beschränkte – Bestandsgarantie für die Printausgaben. Und hielt es überdies für wichtig zu betonen, die redaktionelle Unabhängigkeit aller journalistischen Aktivitäten bliebe erhalten…

Redaktionelle Unabhängigkeit ist der Garant für guten Journalismus. Der aber – das wissen nicht nur TAZ-Leser – ist nicht umsonst. Guter Journalismus ist sogar sehr teuer. Um ihn zu finanzieren und gleichzeitig seine Unabhängigkeit zu bewahren, nahmen die klassischen Zeitungsverleger Werbung in ihre Blätter. Und sie betrachteten das Zeitungsmachen als ein Zuschussgeschäft, das sie aus anderen Geschäftsbereichen querfinanzierten. So, wie das auch Axel Springer getan hat. In seinem Vermächtnis betonte er, dass ein Verlag nie ein reines Erwerbsunternehmen wie eine Mantelfabrik sei. Dieses Vermächtnis scheint den Nachfolgern nichts mehr wert zu sein. Warum sonst holen sie ausgerechnet einen Investor wie KKR ins Boot?

Doch hilft dem Qualitätsjournalismus weder das Zetern über den Verfall der Verlegermoral auf die Beine noch das Jammern über den Einbruch der Werbeerlöse der Zeitungen, ihrer bisherigen Finanzierungsbasis. Eher die Bereitschaft zu akzeptieren, dass guter Journalismus etwas ist, was bezahlt werden muss. Das also nicht umsonst einfach so im Netz zu haben ist. Und: Die Bereitschaft darüber nachzudenken, wie er in Zukunft zu erhalten, und das heißt, zu finanzieren ist. Etwa durch mehr Rechercheverbunde, durch Zusammenarbeit bei Korrespondentennetzen, durch Nachrichten- und Rechercheagenturen auf genossenschaftlicher oder auf Stiftungs- und – warum nicht auch auf öffentlich-rechtlicher Basis.

Natürlich ist der absehbare journalistische Ausverkauf bei Springer ein Anlass für Katastrophengeschrei. Er ist vor allem aber ein Anlass dafür sich zu vergegenwärtigen, dass die durch guten Journalismus garantierte Pressefreiheit kein Himmelsgeschenk ist, sondern etwas, um das man kämpfen muss.

WDR 3 Mosaik 9. August 2019