Das Recht auf Boykott

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„Das Recht auf Boykott“ überschreibt die London Review of Books am Montag einen von 250 Intellektuellen aus aller Welt unterschriebenen Offenen Brief. Darin erklären sich unter anderem die Schriftstellerinnen Naomi Klein und Annie Ernaux, die Filmemacher Ken Loach und Alexander Kluge wie der amerikanische Sprachwissenschaftler Noam Chomsky mit einer Erklärung der englisch-pakistanischen Schriftstellerin Kamila Shamsie solidarisch. Sie reagiert darin auf die Aberkennung des Dortmunder Nelly-Sachs-Preises, weil sie die israelkritische Organisation BDS (Boykott, Divestment and Sanctions) unterstützt.

Der französische Schriftsteller Louis-Ferdinand Celine war einer der ekelhaftesten Antisemiten des 20. Jahrhunderts. Und dennoch gilt er gleichzeitig mit seinem Werk „Reise ans Ende der Nacht“ als einer der großen Schriftsteller der Moderne. Niemand bei Verstand käme auf die Idee, diese Einschätzung wegen seiner widerlichen antisemitischen Hetzschriften anzweifeln zu wollen.

Die englisch-pakistanische Schriftstellerin Kamila Shamsie ist nicht als Verfasserin von antisemitischen Hetzschriften bekannt. In ihrem Wikipedia-Eintrag steht lediglich, dass sie eine Unterstützerin der internationalen Kampagne „Boykott, Divestment and Sanctions“, BDS, ist. Eben deswegen entzog ihr die Jury des Dortmunder Nelly-Sachs-Literaturpreises diesen Preis wieder. Weil BDS als antisemitisch gilt. In Deutschland zumindest. Und in Israel genauso. Diese Auffassung aber teilen die 250 Kulturschaffenden, die jetzt gegen die Aberkennung des Preises protestierten, nicht. In ihrer Erklärung unterscheiden sie scharf zwischen „antijüdischem Rassismus“ und „Kritik an Israels Politik“.

Eine Unterscheidung, mit der man sich in Deutschland sehr schwer tut. Dafür gibt es sowohl historische wie politische Gründe. Ob sie triftig sind, steht auf einem anderen Blatt. Jedenfalls ist man hierzulande schnell mit dem Urteil zur Hand, dass wer die aktuelle israelische Politik mit der des südafrikanischen Apartheidregimes vergleicht, ein Antisemit und Antizionist sein muss. Und da es in der aus hunderten von Einzelinitiativen bestehenden BDS-Kampagne tatsächlich einige gibt, die das tun, gilt BDS bei uns insgesamt als antisemitisch. So hat es im Mai sogar der Bundestag selbstmächtig beschlossen. Und deshalb glauben jetzt alle daran. Vor allem im Kulturbereich: Festivalveranstalter laden Bands aus, die BDS unterstützen. Aus dem gleichen Grund verbot jetzt ein Bonner Kulturfest einem deutsch-palästinensischem Frauenverein die Teilnahme.

Vielleicht sollte man in dieser Sache aber nicht so sehr dem Differenzierungsvermögen von Literaturjurys oder Festivalveranstaltern trauen. Und mehr auf den nüchternen Verstand von Juristen setzen. Das Verwaltungsgericht Köln entschied gerade, die Nähe des Frauenvereins zur BDS-Bewegung reiche nicht für deren Ausschluss. Denn der BDS-Kampagne fehle es an „verfestigten organisatorischen Strukturen“ und einer „hinreichenden Homogenität“. Genau so äußerten sich im Mai schon die Kritiker des Bundestagsbeschlusses gegen BDS: Zwar gebe es dort zweifellos antisemitische Aktivitäten und Tendenzen. Aber die könne man nicht mit der Bewegung als ganzer gleichsetzen und allen ihren Unterstützern zwangsläufig eine antisemitische Haltung unterstellen.

Louis-Ferdinand Celines wüster Roman „Reise ans Ende der Nacht“ ist kein antisemitisches Werk. – Die 250 Unterzeichner des Offenen Briefs, die gegen die Rücknahme des Preises an Kamila Shamsie protestieren, folgen einer guten Tradition. Nämlich der, zwischen dem Autor und seinem Werk zu unterscheiden. Und nicht auf bloßen Verdacht hin Urteile zu fällen.

WDR 3 Mosaik 25. September 2019