Die Vermessung des Glücks

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Seit neun Jahren wird im Auftrag der Deutschen Post das Glück der Deutschen vermessen. Unter der Leitung eines Finanzwissenschaftlers der Uni Freiburg wird über Umfragen der sogenannte Glücksatlas erstellt. Der vor ein paar Tagen veröffentlichte neue „Glücksatlas“ sieht die Deutschen auf dem Höhepunkt ihres Glückes. So zufrieden waren sie noch nie.

„Dumm sein und Arbeit haben, das ist Glück“, dichtete einst Gottfried Benn. War das einer die vielen Zynismen des Schriftstellers? Oder ist ihm damit vielleicht doch ein erhellender Einblick in den Zusammenhang zwischen sozialer Klasse und subjektivem Glück, zwischen Wohlstand und Zufriedenheit gelungen? Diejenigen, denen finanziell nichts mehr weh tut, behaupten ja gerne, Glück könne man nicht kaufen. Wogegen ein anderer Literat, Gore Vidal, feststellte, dass wenn die Armen wüssten, wie viel Glück man mit Geld kaufen kann, sie sich umbringen würden.

Weg von den Literaten. Hin zu den Fakten. Der eben von der Deutschen Post veröffentlichte und auf wissenschaftlichen Daten beruhende Glücksatlas der Deutschen zeigt diese auf dem Gipfel ihres Glücks. Im Laufe der 30 Jahre nach dem Mauerfall ist das Wohlbefinden der Deutschen in einem „Glückssprung“ auf ein Allzeithoch geklettert. Auf der Skala von 0 bis 10 sind das sensationelle 7,14 gesamtdeutsche Glückspunkte. Die Ostdeutschen liegen mit 7,0 Punkten nur mehr marginal zurück.

Die Gründe für die deutsche Lebenszufriedenheit führen die Forscher auf die mit der „anhaltend guten Beschäftigungslage“ verbundene „positive Entwicklung der Haushaltseinkommen“ zurück. Und: Auf die „Robustheit der Bevölkerung gegenüber medialen Schlechtwettermeldungen“. Wir lernen also: Glück und Wohlstand hängen doch innigst zusammen. Und nebenbei: Eine gut gefüllte Geldbörse schützt vor den Zumutungen der Lügenpresse.

Was jedoch an der Plausibilität dieser Schlussfolgerungen zweifeln lässt, sind die Ergebnisse der Glücksstudie für das Land Brandenburg. Dort leben dem Glücksatlas zufolge zwar die unzufriedensten und mithin unglücklichsten Menschen Deutschlands. Doch ökonomisch schlecht geht es ihnen nicht. Das Armutsrisiko in Brandenburg ist das drittniedrigste in ganz Deutschland. – Ist Unglücklichsein doch nicht die logische Konsequenz von Armut? Und: Macht Geld also doch nicht automatisch glücklich?

Die Widersprüche, die die Glücksstudie zutage fördert, hängen mit ihrem Untersuchungsgegenstand zusammen, dem Glück. Und damit, was sie darunter versteht. Wer etwas so Vages wie das menschliche Glück bis auf die zweite Stelle hinter dem Komma berechnen will, gaukelt Wissenschaftlichkeit bloß vor. Indem sie das Glück für einen absoluten, also bestimmbaren Wert hält, stellt die „Glückswissenschaft“ das subjektive Wohlbefinden von Individuen in den Mittelpunkt. Blendet dabei ihre soziale Herkunft und die damit einhergehenden gesellschaftlichen Beschränkungen weitgehend aus.

Deshalb lenken Glücksindizes, argumentiert die israelische Soziologin Eva Illouz, von anderen gesellschaftlichen Problemen ab. Etwa von sozialer Ungleichheit, Bildungsdefiziten, struktureller Armut. Wer einen so prinzipiell unbestimmbaren Zustand wie das Glück zu einem berechenbaren Forschungsgegenstand macht, suggeriert, dass jeder „seines Glückes Schmied“ ist, soziale Herkunft jederzeit überwunden werden kann. Und öffnet damit auch die Möglichkeit, Glücksgefühle zu manipulieren. Das ist schließlich allemal leichter, als gesellschaftliche Missstände zu ändern.

WDR 3 Mosaik 8. November 2019