Wolfgang Schlüter: Fox, oder der kleine Klavierschwindel

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Wolfgang Schlüter, Fox, oder der kleine Klavierschwindel. Roman. Matthes & Seitz 2019. 480 Seiten. 28,00 €

Psychiater haben es nicht leicht. Besonders nicht, wenn vor ihnen Patienten sitzen, die dermaßen zur Weitschweifigkeit neigen wie Doktor Phil. Claus-Henning Abendroth. Immer wieder muss die Ärztin ihn ermahnen, sich kürzer zu fassen, doch Abendroth lässt sich partout nicht davon abbringen, ihr seine Lebensgeschichte bis ins allerkleinste Detail zu erzählen. Seufzend nimmt sie die gestelzten Schilderungen des erfolglosen Schriftstellers und Musikkenners für ihr psychiatrisches Gutachten zu Protokoll. Denn Doktor Abendroth ist wegen Hausfriedensbruchs und Totschlags angeklagt. Der Nachbar über ihm hatte seine Stereoanlage zu laut aufgedreht, wütend hatte Abendroth ihn zur Rede gestellt. Dabei kam es zu einem für den Nachbarn tödlichen Handgemenge. Abendroths Schilderung des Tathergangs ließen Zweifel an seinem Geisteszustand aufkommen. Und die hegt auch die Psychiaterin, wenn sie sich Abendroths Gezeter anhört.

Ach ja, Hausfriedensbruch! § 123 StGB. Aber der Lärm, der den Frieden des Hauses bricht, zählt nicht dazu? Hierfür ist das Immissionsschutzgesetz zuständig, nicht wahr? Übt ein Mädchen am Sonntag die Englischen Suiten, werden die Eltern von den Nachbarn verklagt, und die Justiz gibt diesen recht, da die Emission von Bachmusik an diesem Heiligen Tag als Ruhestörung anzusehen sei. Ziehen aber Horden von betrunkenen Faulenzern und digitalen Bohémiens, Krakeelern, Krawallheinis, Wohlstandstussen, Lärmprolls und Nervtüten draußen vor dem Fenster grölend und kreischend von Club zu Club und feiern Dauerparty mit Bummta-Gedudel, krachledernem Haudruff und Remmidemmi aus Ghettoblastern und Subwoofern, dann winkt das Ordnungsamt müde ab.

Während auf der einen Erzählebene des Romans die Psychiaterin die Lebensgeschichte des lärmempfindlichen Musikliebhabers Abendroth protokolliert, brüten auf der zweiten Ebene im englischen Seebad Brighton drei andere Musikliebhaber über einem musikalisch-akustischen Rätsel. Der übergewichtige Musik-Großkritiker Steven Birthwhistle soll die neueste Schallplatten-Aufnahme der Pianistin Ellen Swindon rezensieren. Seine Freunde, der Aristokrat Eugene de St.-Fox-Aubreville, genannt Fox, und der nervöse Emigrant Ariel Yberseindt haben die Aufnahme auch gehört. Beide sind davon keineswegs begeistert. Während Fox auffällt, dass bei dieser Aufnahme die persönliche „Handschrift“ der Pianistin fehle, hat Yberseindt grundsätzlichere Bedenken.

Irgendetwas stimmt mit diesen Einspielungen nicht. Und damit meine ich weniger die unnatürliche manuelle Perfektion. Denn anders als Sie es dargestellt haben, Fox, gibt es im Spiel der Dame sehr wohl einen fingerprint, und zwar, ganz versteckt, in der Art wie sie in den Kadenzen der Konzerte die Schlusstriller spielt. Zumindest in ihren älteren Aufnahmen ist es ausnahmslos so. In den neuern indes herrscht hierin totale Willkür. Diese Beliebigkeit nehme ich einer so versierten Pianistin nicht ab.

Fox und Yberseindt gehen dem Rätsel auf die Spur und fahren aufs Land, um der Pianistin Ellen Swindon einen Besuch abzustatten. Niemand öffnet ihnen. Yberseindt macht eine Räuberleiter und Fox wirft einen Blick durchs Fenster ins Erdgeschoss des Hauses. Als er dort statt eines Flügels ein auf dem neuesten Stand der Technik eingerichtetes elektronisches Tonstudio entdeckt, kann der Fall aufgelöst werden: Der Ehemann der Swindon, ein versierter Elektronik-Ingenieur, manipuliert ältere Aufnahmen unbekannter Pianisten und gibt sie als Werke seiner Frau aus, die selbst so krank ist, dass sie gar nicht mehr spielen kann. 

Diese auf einem wahren Fall beruhende Geschichte erzählt Wolfgang Schlüter als eine amüsante Räuberpistole mit liebenswürdig–spleenigem Personal. Vorderhand hat sie nichts mit der parallel erzählten Geschichte, nämlich mit der von der Psychiaterin aufgezeichneten Lebensgeschichte des Doktor Abendroth zu tun. Erst am Schluss erfährt der Leser, dass Abendroth zur Bedingung seiner Aussage gemacht hat, dass die Psychiaterin eine Erzählung von ihm in ihr Gutachten aufnimmt. Eben die über den „Klavierschwindel“.

Indem er zwei vermeintlich unzusammenhängende Erzählungen miteinander verschränkt, greift Schlüter auf eine literarische Technik zurück, die auch Arno Schmidt gerne verwandte. Warum, erfährt man aus der Lebensbeichte der Romanfigur Abendroth, die stark an die Biografie des Autors angelehnt ist. Wolfgang Schlüter hat sich lange mit Arno Schmidt beschäftigt. Ebenso mit Theodor W. Adorno. Das ist sicher kein Makel. Der Nachteil für seinen Roman aber erwächst daraus, dass er sich und seine Biografie überaus wichtig nimmt und sein Wissen unbedingt in ganzer Breite vorführen will. Seine musiktheoretischen Exkurse ebenso wie der bemühte pathetische Ton der altertümelnden Sprache machen die Lektüre für Nichtmusiker manchmal zu einer Geduldsprobe. Das ist schade. Denn eigentlich sind die beiden schön ineinander verschachtelten Geschichten ein sehr witziger literarischer Stoff.

WDR 3 Mosaik 16. Dezember 2019