30 Jahre Simpsons oder: Was ist subversiv?

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Heute vor 30 Jahren, am 17. Dezember 1989, wurde im amerikanischen Fernsehsender FOX die erste Folge der Zeichentrickserie „Die Simpsons“ ausgestrahlt. 

In der Simpsons-Folge „Springfield aus der Asche“ teilen sich die Bewohner der Stadt in zwei Parteien. Die einen sind für einen Aufstand, die anderen dagegen. Warum, spielt keine Rolle. Hauptsache, Autos werden umgeworfen. Anschließend sitzen die Comic-Figuren Marge und Homer auf der Couch und sehen sich das Ganze im Fernsehen an. Du warst doch nicht etwa dabei?, fragt Marge entsetzt. Aber natürlich, antwortet Homer stolz, ich bin doch ein Anführer. Und im Fernsehen sieht man, wie Homer einen Ziegelstein ins Fenster der Bank wirft und mit einer Kassette in der Hand wieder herausklettert.

Die Abwesenheit von Moral beziehungsweise das radikale Infragestellen ihrer Gültigkeit ist das Markenzeichen jeder Satire, die diesen Namen verdient. Satire hat nur dann eine Daseinsberechtigung, wenn sie die herrschenden Normen und Sitten radikal in Frage oder auf den Kopf stellt, – wenn sie subversiv ist. Ein Blick auf die deutsche Satire und ihre Erscheinungsformen in Comedy-Szene und öffentlich-rechtlicher Fernseh-Bespaßung zeigt, dass sie alles andere, nur nicht subversiv ist. Seitdem die großen Anarcho-Subversiven Harald Schmidt, Gerhard Polt und Helge Schneider von den großen Bühnen verschwunden sind, besteht deutsche Comedy aus seichten Geschlechter-Klischees, albernen Polit-Jokes oder Witzen über Ausländer von Ausländern, weil Deutsche das nicht machen dürfen. Sehnsüchtig und viel zu lang wartet man Freitagabends auf  einen Auftritt der Schweizerin Hazel Brugger in der „Heute-Show“.

Natürlich gibt es auch bei den Simpsons den einen oder anderen schalen Kalauer und natürlich offenbart die Serie nach fast 700 Folgen ein paar Abnutzungserscheinungen. Doch hat sie wenig von ihrer fulminanten subversiven Kraft verloren. Wie seit nunmehr dreißig Jahren wird alles der Lächerlichkeit preisgegeben, was den Stolz der amerikanischen Nation ausmacht, geraten alle heiligen Werte des „American Way of Life“, ja selbst die in den USA unantastbare Religion in den satirischen Schredder. Die einzige, die bei den Simpsons konsequent die Moral aufrecht hält, ist Mutter Marge. Die Argumente, mit denen sie das tut, sind aber leider so schwach, dass sie weder ihre Familienmitglieder noch die Zuschauer zu überzeugen vermögen.

Aus historischer Sicht ist die Schelte an der aktuellen deutschen Satire vielleicht ein bisschen ungerecht. Sie steht in der Tradition des – bis auf Ausnahmen wie Kurt Tucholsky und Karl Valentin – sehr biederen deutschen Kabaretts. Während sich die Amerikaner auf so stolze Vorbilder des destruktiven Humors wie die Marx Brothers und Laurel und Hardy beziehen können.

Doch kann man ja auch lernen. Zum Beispiel, indem man, den Regeln des subversiven Humors folgend, sich selbst, besser aber noch: Seinen Auftrag- und Geldgeber in Frage stellt und durch den Kakao zieht. Oliver Welke von der ZDF-„Heute-Show“ hat gelernt und macht ab und zu einen mehr oder weniger bösen Scherz über das ZDF. Das ist eher fad gegenüber den Witzen, die bei den Simpsons über deren Haussender FOX gemacht werden. Aber gar nichts im Vergleich zu dem Witz, den der Street-Art-Künstler Banksy in seiner Simpsons-Folge über die Produktionsbedingungen der Serie bzw. ihres Marketings machen durfte: Er zeigte, wie ausgemergelte Arbeiter in Asien im Akkord Designs für Simpsons-T-Shirts zeichnen müssen während Kinder die fertigen Muster in Giftbehälter tauchen. – Noch Fragen dazu, wie subversive Komik funktioniert?

WDR 3 Resonanzen 17. Dezember 2019