Der enthegte Krieg

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Vor zwei Jahren legte der Historiker und Politologe Herfried Münkler ein fast tausendseitiges Werk über den Dreißigjährigen Krieg vor. Er folgte darin nicht nur seinem Interesse als Historiker, ein lange, über 300 Jahre zurückliegendes, aber für die europäische Geschichte sehr bedeutsames Ereignis ausführlich zu beschreiben. Besonders interessierten ihn darüber hinaus die Analogien zwischen der damaligen und der heutigen Situation. Mit Blick auf das Geschehen im Nahen Osten sofort ins Auge springend ist darunter das unauflösbare Ineinander von „großem“ und „kleinem“ Krieg, also von Staaten- und von Bürgerkrieg. Und: Dass beide gleichzeitig auch Religionskriege, Kriege um den „wahren“ Glauben waren bzw. sind. – In der Vorstellung der Zeitgenossen des 17. Jahrhunderts machte dieses Gemisch aus gewalttätig ausgefochtenen politischen, religiösen und privaten Interessen den Krieg zu einem sich verselbständigtem grausamen Monstrum, das alles verschlag, was sich ihm in den Weg stellte.

Das Ende des Dreißigjährigen Krieges markiert auch ein Ende dieser apokalyptischen Vorstellung. Im Westfälischen Frieden kommt es erstmalig zu einer präzisen Unterscheidung zwischen Krieg und Frieden. Beide sind fortan klar definierte und unterschiedene Aggregatzustände des Politischen. Staatenkrieg und Bürgerkrieg werden ebenso voneinander getrennt wie Kombattanten und Nichtkombattanten, also Soldaten von Partisanen. Auch der Übergang des einen in den anderen Zustand, von Frieden zu Krieg und umgekehrt wird durch einen Rechtsakt genau festgelegt.

Aus diesem Westfälischen Friedensschluss erwuchs eine internationale Ordnung, die Münkler „binär“ nennt: Entweder es ist Krieg oder es ist Frieden. Ein Drittes gibt es nicht. – Dass das Theorie ist, wurde schon während der Guerilla-Kriege in der Napoleonischen Ära klar. Vielleicht verlief noch die Mehrzahl der Kriege des 19. Jahrhunderts nach diesem Muster. Spätestens der Kalte Krieg aber machte allein durch das Drohpotential der Atomwaffen die Trennung zwischen Krieg und Frieden vollkommen obsolet. – Und dennoch: Mit Blick auf die teils panischen Reaktionen auf die Tötung des iranischen Generals Soleimani scheint es,  als seien wir immer noch in der Vorstellung einer „binären“ Ordnung gefangen, als glaubten wir immer noch daran, es gäbe einen Unterschied zwischen Krieg und Frieden.

Natürlich bedeutet der Tod eines bedeutenden iranischen Generals eine neue Eskalation in der Auseinandersetzung des Welthegemons mit der mächtigsten Regionalmacht im Nahen Osten. Aber es bedeutet noch lange nicht den von vielen nun befürchteten möglichen Eintritt in einen „wirklichen“ Krieg. Diesen „wirklichen“ Krieg wird es nie geben. Weil es das, was früher einmal „Krieg“ genannt wurde, nicht mehr gibt und nicht mehr geben wird.

Was nach dem Westfälischen Frieden möglich wurde, war eine Ordnung, in der der Krieg „eingehegt“ war: Beschränkt auf ein bestimmtes Personal, auf ein bestimmtes Territorium, auf einen bestimmten Zeitraum. Seitdem die Amerikaner nach dem 11. September 2001 den „war on terror“ erklärten, ist der Krieg endgültig enthegt. Die Antwort auf den fundamentalistischen Terror war und ist der Staatsterror mittels Drohnen. Kleiner und großer, politischer Krieg und Glaubenskrieg, – Krieg und Frieden sind seitdem wieder, wie im Dreißigjährigen Krieg, ununterscheidbar, aus dem Frieden ist ein permanenter Bedrohungszustand geworden. Weltweit. Und ein zweiter Westfälischer Frieden ist nicht in Sicht. 

WDR 3 Mosaik 8. Januar 2020