James Joyce, Dubliner

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James Joyce, Dubliner. Aus dem irischen Englisch übersetzt von Friedhelm Rathjen. Manesse 2019. 441 Seiten. 24 Euro

https://www1.wdr.de/kultur/buecher/james-joyce-dubliner-104.html

Eveline ist eben von der Arbeit im Kaufhaus nach Hause gekommen. Müde sitzt die junge Frau jetzt am Fenster der Wohnung, die sie mit ihrem verwitweten Vater bewohnt, den Kopf an die Fenstervorhänge gelehnt und schaut zu, wie draußen der Abend in die Allee einfällt. Das Weiß der beiden Briefe in ihrem Schoß wird undeutlich. Es sind Abschiedsbriefe. Der eine an ihren Bruder Harry, der andere an ihren Vater. Sie denkt an den fast täglichen Streit mit dem meist betrunkenen Vater ums Haushaltsgeld. Denkt daran, was aus ihr werden soll, wenn das alles so weiterginge…

Während sie vor sich hin sinnierte, erschütterte das erbarmungswürdige Vorstellungsbild vom Leben ihrer Mutter sie ins Mark – jenes Lebens tagtäglicher Opfer, das schließlich in Umnachtung endete. Sie erhob sich in einer plötzlichen Schreckenserregung. Fliehen! Sie musste fliehen. Frank würde sie retten. Er würde ihr Leben schenken, vielleicht auch Liebe. Aber sie wollte leben. Warum sollte sie unglücklich sein? Sie hatte ein Recht auf Glück. Frank würde sie in die Arme nehmen, sie in seine Arme schließen. Er würde sie retten.

Selten machen sich die Protagonisten der 15 Erzählungen in James Joyce „Dubliner“ ihre Situation so klar wie Eveline. Die meisten von ihnen haben, wenn überhaupt, nur ein undeutliches Bewusstsein davon, dass ihr Leben festgefahren, schwer erträglich und deshalb – fast alle sind Katholiken – höchst erlösungsbedürftig ist.

Thomas Little Chandler ist ein verdruckster Büroangestellter. Die Dürftigkeit seiner Existenz wird ihm klar, als er sich eines Abends mit seinem alten Schulkameraden Gallaher trifft. Der ist nach Dublin zu einer Stippvisite aus dem fernen London gekommen, wo er eine glamouröse Karriere als Journalist gemacht hat. Dessen Angebereien durchschaut Little Chandler allerdings schnell…

Er spürte scharf den Kontrast zwischen seinem Leben und dem seines Freundes, und er schien ihm ungerecht. Gallaher war ihm nach Geburt und Bildung unterlegen. Er war überzeugt davon, dass er etwas Besseres zu leisten vermochte, als sein Freund je geleistet hatte oder jemals leisten würde, etwas Höheres als bloßen schäbigen Journalismus, bekäme er nur die Chance dazu.

Die plötzlich aufscheinende Vision von einem anderen, mutigeren Leben zieht jedoch schnell vorbei – wie eine „kleine Wolke“. So lautet der Titel der Erzählung. Zu Hause holt Little Chandler seine ganze Mittelmäßigkeit ein. Sein Versuch, ein Gedicht von Byron zu lesen scheitert, weil er auf seinen kleinen Sohn aufpassen muss und der jämmerlich zu schreien anfängt. Was dann zu einer Hasstirade der heimkehrenden Ehefrau führt.

Durch genaue Beobachtungen und präzise Beschreibungen analysiert Joyce die verkümmernden, im zähen Brei alltäglicher Vergeblichkeiten und blinder Selbsttäuschung festgefahrenen Leben seiner Protagonisten. Der spätere Avantgardist zeigt dabei die ganze Kunst und das breite Spektrum einer realistischen, auf oberflächliche Psychologisierung verzichtenden Erzählweise. Seinem Verleger gegenüber bezeichnete er seinen Stil einmal als von „skrupelloser Niedertracht“ geprägt. Er schont seine Figuren nicht. Doch denunziert er sie auch nicht, bleibt solidarisch mit ihnen und versucht mit aller Empathie, ihrer Lähmung auf den Grund zu gehen.

Die Neuübersetzung von Friedhelm Rathjen wird Joyce’ subtiler Erzählkunst vollkommen gerecht. Eine Übersetzung ist immer ein neuer Text, sprachlich auf der Höhe des zeitgenössischen Publikums. Dem Wortschatz der vorletzten Übersetzung der „Dubliners“ von Dieter E. Zimmer war anzumerken, dass er 40 Jahre alt ist. So kam es 1994 zu einer ersten Neuübersetzung durch den Joyce-Spezialisten Harald Beck. Rathjen, ebenfalls ein Irland- und Joyce-Kenner, überträgt den Text nun noch einmal etwas frischer, trifft sehr genau den heutigen Alltagston. Etwa wenn er bei der Beschreibung der kleinwüchsigen Protagonistin Maria, die sich das Leben schönredet, das Attribut „tiny“ nicht wie üblich mit „winzig“ sondern mit „klitzeklein“ übersetzt. – „Nie war Joyce lesbarer“, wirbt der Verlag. Womit er wohl recht hat.

Eveline hat sich entschlossen, mit ihrem Geliebten Frank Dublin zu verlassen und auszuwandern. Sie ist schon am Bahnhof, wartet hinter einem Eisengitter auf ihn.

Konnte sie überhaupt noch zurück, nach allem, was er für sie getan hatte? Ihre Bedrängnis verursachte ihr körperliche Übelkeit, und ohne Unterlass bewegte sie die Lippen in stummem, inbrünstigen Gebet. – Nein! Nein! Nein! Es war unmöglich. Ihre Hände umklammerten in einem Anfall von Raserei das Eisen. Eveline! Evvy! Er hastete hinter die Absperrung und rief ihr zu, sie solle ihm folgen. Sie kehrte ihm ihr weißes Gesicht zu, teilnahmslos, gleich einem hilflosen Tier.

Alle von Joyce porträtierten Figuren scheinen von einer Lähmung befallen, paralysiert. Der englische Schriftsteller Anthony Burgess nannte in seinem Buch „Joyce für Jedermann“ das Dublin, das Joyce in seinen „Dubliners“ beschreibt, eine „paralysierte Stadt“: Eine Bühne für die Darstellung der Paralyse der Moderne und damit ein Paradigma aller modernen Städte. Das ist auch der Grund dafür, warum dem heutigen Leser Joyce’ 100 Jahre alte Dubliner so nahe kommen als wären es Zeitgenossen und warum man das Buch wieder und wieder lesen kann. In der ausführlich kommentierten Übersetzung von Friedhelm Rathjen kommt es einem vor wie eine Neuerscheinung auf der letzten Buchmesse.

WDR 3 Mosaik 13. Januar 2020