Reisekultur

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Jetzt schon zum zweiten Mal stellten Bundestagsabgeordnete der Opposition in sog. Kleinen Anfragen die Bundesregierung vor die Frage, wie sie sich zur Wiederbelebung des 2016 eingestellten Nachtzug-Verkehrs der Deutschen Bundesbahn stelle. Die Klima-Diskussion der vergangenen Jahre und Monate habe, so ihre Begründung, den Inlandsflugverkehr ebenso obsolet werden lassen wie die Billigfliegerei. Und nachts mit dem Schlafwagen durch Europa zu sausen, sei doch eine wohl sehr klimafreundliche Alternative. Dieser Ansicht ist die Bundesregierung auch, doch teilt sie den Abgeordneten in ihren Antworten mit, dass sie sich daran finanziell nicht beteiligen will. In der Antwort vom Dezember heißt es, das „Kosten-Nutzen-Verhältnis“ sei zu schlecht. In der Antwort von der vergangenen Woche heißt es, der Nachtverkehr der DB sei nicht Teil des „gemeinwirtschaftlichen Verkehrs“, den zu unterhalten die Regierung verpflichtet ist. Argumenten, denen es auf den Grund zu gehen gilt. 

Der Nachtzug ist ein literarischer Topos. Ohne den Nachtzug gäbe es nicht die Reise des Altphilologen Raimund Gregorius in die eigene Vergangenheit im viel gelesenen Roman „Nachtzug nach Lissabon“. Gäbe es nicht Agatha Christies noch berühmteren 12-fach-Mord im „Orientexpress“, den der Privatdetektiv Hercule Poirot oft nur in einem Morgenmantel bekleidet aufklärt. Denn im Nachtzug kann man schlafen. Und genau dieser Umstand macht den Nachtzug zu einem Kulturphänomen, um nicht zu sagen zu einem erstrangigen europäischen Kulturstifter.

Denn es war ein weitverzweigtes Nachtzugsystem, das Europa lange schon vor der Einführung des Flugverkehrs zu einer kulturellen Einheit verschmolz. Moskau, Warschau, Berlin, Paris, Budapest, Triest, Mailand und Wien waren gerade mal ein Einschlummern und Aufwachen voneinander entfernt. Man konnte überall zuhause sein, die Entfernungen einfach verschlafen. – Vor vier Jahren, 2016, starb diese Reisekultur dank sinkender Nachfrage. Zumindest in Deutschland. Die letzten 81 altersmüden und durchgelegenen Schlaf- und Liegewagen der Deutschen Bundesbahn wurden verschrottet oder verkauft. Die Reisekultur der beschleunigten Moderne, das Fliegen, schien sich endgültig durchgesetzt zu haben.

Schien. Denn jetzt steht sie infolge der wachsenden Klimaprobleme und der daraus folgenden Verkehrswende-Diskussion massiv in Frage – und eine Renaissance der versunken geglaubten Schlafwagenkultur zeichnet sich ab. Die Österreichischen Bundesbahnen, die mit ihren Nachtzügen auch das deutsche Schienennetz befahren, schreiben dank wachsender Nachfrage schwarze Zahlen. Eine Reihe anderer europäischer Bahnunternehmer folgen ihr deswegen und unterhalten wieder Schlafwagen.

Nur nicht die Deutsche Bundesbahn. Wachsende Fahrgastzahlen im Tagesverkehr ermuntern sie zwar, sich positiv zur Wiedereinführung von Schlafwagen zu stellen. Doch die Bundesregierung, Besitzerin der Bundesbahn, verweigert das dazu nötige Geld.

Die Argumente, die sie dazu anführt, stellen die Aufrichtigkeit der von ihr propagierten klimapolitischen Wende erheblich in Frage. Im Dezember meinte sie noch, das „Kosten-Nutzen-Verhältnis“ sei zu schlecht. Jetzt heißt es, der Nachtverkehr der Deutschen Bundesbahn sei nicht Teil des „gemeinwirtschaftlichen Verkehrs“. Das bedeutet nichts anderes, als dass nächtliches Eisenbahnfahren aus dem ausgeschlossen wird, was dem Nutzen der Allgemeinheit dient. Mit anderen Worten: Wenn ich mich, um von Köln nach München zu kommen, in einen Flieger setze, dient das der Allgemeinheit. Möchte ich dazu aber einen Nachtzug mit Schlafwagen benutzen, schadet es ihr.

Kulturpessimistische Orientierungen lenken in eine nicht wieder zu belebende Vergangenheit. Eine Ausnahme bildet da die Reminiszenz an den im späten 19. Jahrhundert erfundenen Schlafwagen. Nur oberflächlich mutet sie romantisch-rückwärtsgewandt an. Tatsächlich aber schlummert in ihr die Blaupause für ein Zukunftskonzept der Entschleunigung. Und das betrifft nicht nur den Verkehr, sondern alle unsere Lebensweisen.

WDR 3 Mosaik 21. Januar 2020