Reinhart Koselleck/Carl Schmitt. Der Briefwechsel

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Reinhart Koselleck, Carl Schmitt, Der Briefwechsel – 1953-1983. Herausgegeben von Eike Dunkhase. Suhrkamp 2019. 459 Seiten. 42 Euro

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Wer es heute wagt, den Namen Carl Schmitt in irgendeiner Weise positiv zu erwähnen, erntet meist Empörung. Denn der 1888 geborene Staatsrechtler war Antisemit, Mitglied der NSDAP, hatte Hitler als „obersten Gerichtsherrn“ des deutschen Volkes sowie die Nürnberger Rassengesetze als  „Verfassung der Freiheit“ bezeichnet und 1936 vorgeschlagen, das Zitieren jüdischer Autoren zu verbieten. Und dennoch gilt er inzwischen als ein Klassiker des politischen Denkens und es wird immer klarer, dass er zu den verdrängten Paten der geistigen und politischen Verfassung der Bundesrepublik gehörte. Das ist darin begründet, dass Schmitt, obwohl nach 1945 aller öffentlicher Ämter enthoben und als unverbesserlicher Nazi stigmatisiert, immer noch eine fast unheimliche Anziehungskraft besaß. Und zwar nicht etwa auf Altnazis und Rechtsradikale, sondern auf eine junge Akademikergeneration, die Schmitts brillante staatsrechtlichen Theorien aus den 1920er Jahren noch unvoreingenommen rezipiert hatte und über seine Verstrickung mit den Nazi-Regime hinwegsah. Zu jenen „Schmittianern“, die ihn regelmäßig im sauerländischen Plettenberg besuchten, gehörten u.a. der Philosoph Hanno Kesting, der spätere Bundesverfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde sowie der Historiker Reinhart Koselleck. In einem 1991 geführten Interview erinnerte sich Koselleck an den Ablauf solcher Zusammenkünfte mit Schmitt.

Er war auf der einen Seite sehr umgänglich und auf der anderen Seite stellte er seine Fragen sehr gezielt, so dass ich manchmal das Gefühl hatte, über Minen zu laufen. Andererseits konnte er unglaublich spontan sein, herzlich und mit einer freundlichen Zuwendung dem Gesprächspartner gegenüber, die einem charmierte. Die früheren Gespräche in Plettenberg dauerten gewöhnlich bis drei oder vier Uhr morgens. Am nächsten Tag musste man dann gegen zehn Uhr wieder antreten und er fragte einen über die Bücher aus, die er einem für die Nacht zur Lektüre mitgegeben hatte. Es war ein unglaublicher intellektueller Druck, der aber mit Vergnügen und Witz zu bewältigen war.

Reinhart Kosellecks berühmte Dissertation „Kritik und Krise“ von 1954 war die Grundlage seiner Karriere als Hochschullehrer und öffentlicher Intellektueller. Der Untertitel der Arbeit, „Pathogenese der bürgerlichen Welt“, deutet ihre Tendenz schon an: Der im Geist der Aufklärung entstandene moderne Staat trägt den Keim für seine Krise und Zersetzung von vornherein in sich, – eben durch den kritischen Gehalt des aufgeklärten Geschichtsauffassung. Der Einfluss Carl Schmitts liegt auf der Hand: Dessen Kritik an der liberalen Parlamentarischen Demokratie gründet auf einem vormodernen, autoritären Staatsverständnis. Jürgen Habermas nannte Kosellecks 1959 erschienene Dissertation dann auch „schülerhaft“ von Schmitt abhängig. – In dem 1953 einsetzenden Briefwechsel zwischen Koselleck und Schmitt spiegelt sich in den ersten Jahren dieses Schüler-Lehrer-Verhältnis. Kosseleck, der den weitaus größten Teil der Korrespondenz bestreit, berichtet Schmitt über seine – bewundernswert umfangreiche und vielfältige – Lektüre historischer und philosophischer Literatur. Oder er erzählt ihm von seiner Arbeit und seinen Vorhaben als junger Universitätslehrer. Schmitt gibt ihm viele Hinweise, macht manchmal kleinere theoretische, immer sehr unverfängliche Exkurse. Später entwickelt sich eine Gelehrtenkorrespondenz auf Augenhöhe, der Ton ist höflich, wird im Laufe der Jahre immer freundlicher und persönlicher, beide nehmen am privaten und Familienleben des anderen Anteil.

An dieser fast freundschaftlichen Zugewandtheit ändert sich auch nichts, als Koselleck längst eigene Wege geht, sich von seinem frühen „Schmittianismus“ gelöst hat und wesentlich liberalere Positionen vertritt als sein vormaliger Mentor. Das allerdings schlägt sich im Schriftverkehr nicht nieder, es kommt zu keinem Disput. Trotzdem vermag Koselleck, seine unabhängig gewordene wissenschaftliche Position deutlich zu machen. Etwa, wenn er im öffentlich geführten Streit zwischen Schmitt und Hans Blumenberg über die „Legitimität der Neuzeit“, also die Nicht-Ableitbarkeit der Moderne aus der Theologie, sich in einem Brief von 1971 eindeutig auf Blumenbergs Seite positioniert.

Schließlich noch ein Wort zu Blumenberg. Sein Ansatz ist konsequent antiteleologisch und die dem entsprechende funktionale Methode bringt erstaunlich differenzierende Einsichten zutage. Wie ein Argumentationshaushalt endlich angelegt ist und wie sich darin bestimmte Gedanken – bei verbaler Identität – geschichtlich umsetzen und neue Bedeutung gewinnen, die nicht mehr ableitbar ist, diese Interpretationstechnik hat Blumenberg meisterhaft entwickelt. Darin liegt sein genuiner Beitrag zur Geschichtswissenschaft.

Die über 100 Briefe, die Schmitt und Koselleck über einen Zeitraum von 30 Jahren – von 1953 bis 1983 – austauschten, führen dem Leser vor Augen, wie es möglich ist, mit einem erzkonservativen und zudem noch faschistisch kontaminierten Intellektuellen in einen fruchtbaren geistigen Austausch zu treten. Die Voraussetzung dafür war die bis ins hohe Alter überaus wache Intelligenz und die sagenhafte Belesenheit Schmitts. Daraus verstand es Koselleck, Nutzen zu ziehen. Die vielen Camouflagen, mit denen Schmitt seine wahre Gesinnung verbarg, hat er dabei souverän übersehen. Das Fazit für heute: Ja, man sollte mit Reaktionären reden. Vorausgesetzt, sie verfügen über so viel Bildung und Intelligenz, dass sie einem auch zuhören können.

WDR 3 Mosaik 24. Januar 2020