Wilma Stockenström, Der siebte Sinn ist der Schlaf

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Wilma Stockenström, Der siebte Sinn ist der Schlaf. Aus der englischen Fassung von J. M. Coetzee übertragen von Renate Stendhal. Wagenbach Oktavheft. Januar 2020. 160 Seiten. 18 Euro

https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/buecher/lesefruechte/der-siebte-sinn-ist-der-schlaf-100.html

Es ist eine Geschichte, in der nicht viel geschieht: Eine alte Frau hat sich inmitten der afrikanischen Steppe einen riesigen Baum, einen Baobab, zu ihrem  Zuhause gemacht. Sie versorgt sich mit dem, was die Natur ringsum ihr bietet oder was die „kleinen Menschen“ ihr bringen, offenbar Mitglieder des südafrikanischen Volks der San. Fast ihre gesamte Zeit verbringt die alte Frau mit Schlafen und Träumen.

Nur wenn ich schlafe, weiß ich wirklich, wer ich bin, denn ich herrsche über meine Traumzeit und bewohne sie zufrieden. Ich kann meine Gedanken in eine logische, gleichmäßige Folge bringen, ohne Wellen und Kräusel. Ich kann sie rund machen wie ein Tongefäß und kühl und klar wie Wasser. Und ich fülle meine Gedanken mit allen möglichen Gegenständen, reihenweise, endlos, zahllos. Ich besitze gute Mittel gegen das Leersein.

Zunächst um ihre eigene Geschichte kreisen die Träume und Gedanken der namenlosen Frau, führen zurück in ihre Vergangenheit als Sklavin. Schon als junges Mädchen wurde sie von Sklavenjägern gefangengenommen und von ihrem ersten Besitzer, der nur daran interessiert war, sie zu entjungfern, gekauft. Weiterverkauft an einen zweiten, dann an einen dritten und einen vierten Herrn war sie ihnen als Geliebte und als Küchenmagd zu Diensten, gebar Kinder, die sie nicht heranwachsen sehen konnte, weil auch sie als Sklaven verkauft wurden. Zuletzt erwarb sie ein reicher Kaufmann, der sich in die schöne Frau verliebte und sie zu seiner Gefährtin machte. Nach seinem Tod floh sie, nahm Zuflucht im hohlen Stamm des Baobab, in dem sie sich nun auf ihre Gedankenreisen begibt. 

Und die machen aus diesem kleinen Roman dann doch eine Geschichte, in der viel geschieht. Denn diese Reisen führen nicht nur in die Vergangenheit ihrer Lebensgeschichte als Sklavin, sondern gleichzeitig auch auf eine Expedition sowohl hinein in das Innere Afrikas wie in ihr eigenes Inneres. Die äußere, die physische Expedition durch den halben afrikanischen Kontinent, auf die sie der reiche Kaufmann mitnimmt, ist verknüpft mit der Selbsterkundung der Icherzählerin. Deren Erzählung wird immer mehr zu einem spiralförmigen Kreisen, in dem die chronologische Zeit aufgehoben ist, in dem alles gleichzeitig geschieht.

Ich kann die Zeit nicht abschütteln. Sie hockt ständig vor meinem Baum. Alles, was je in meinem Leben gewesen ist, ist immer gleichzeitig gegenwärtig und die Ereignisse wollen nicht hintereinander in einer Reihe stehen. Sie verhaken sich ineinander, verschieben sich, verstreuen sich, drängen sich mir auf oder versuchen, meiner Erinnerung zu entschlüpfen.

Ein Erzählen, in dem versucht wird, die chronologische Zeit aufzuheben und dem Leser den Eindruck der Gleichzeitigkeit allen Geschehens zu vermitteln, kennen wir von Marcel Proust. Wilma Stockenström unternimmt Ähnliches. Allerdings greift sie dabei nicht auf europäische literarische und philosophische Traditionen zurück, sondern bleibt in ihrer Heimat, in Afrika. Ihr Erzählmodell lehnt sich eng an die animistische Mythologie der südafrikanischen San an, die ähnlich wie die „Traumzeit“ der australischen Aborigines nicht zwischen realer und imaginierter Wirklichkeit unterscheidet. Und am Ende sind es auch diese „kleinen Menschen“, die über das Schicksal der Erzählerin entscheiden. – Wie verzaubert lässt dieser wundersam poetische Roman den Leser zurück, verzaubert von großer Erzählkunst und verzaubert von einer ihm unbekannten, in gleicher Weise wirklichkeitsprallen wie magischen Welt.

WDR 5 „Bücher“, 1. Februar 2020