Verweigerter Handschlag

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In Deutschland gehört der Handschlag zur Leitkultur. Egal ob als schlichtes Handgeben oder emphatisches Händeschütteln: Wer nicht – auf welche Weise auch immer – die rechte Hand seines Gegenübers ergreift, gehört nicht dazu. Noch vor drei Jahren nahm der damalige Bundesinnenminister den Händedruck in die zehn Punkte seiner „Leitkultur“ auf. Als Empfehlung an alle Einwanderer. Seine Parteifreundin, CDU-Politikerin Julia Klöckner, hatte zuvor das Treffen mit einem Imam abgesagt, weil der ihr aus religiösen Gründen nicht die Hand geben wollte. Weil der Islam solche Berührung zwischen Mann und Frau verbietet.

In Frankreich hätte der Mann noch nicht einmal die Chance, ein ordentlicher Staatsbürger zu werden. Da gehört ein kräftiger Händedruck mit dem Präfekten zum festen Bestand des Einbürgerungsrituals. Und erst Dänemark! Dort ist der Handschlag bei der Einbürgerungszeremonie seit zwei Jahren sogar Gesetz! „Wenn man sich nicht die Hand gibt, dann versteht man nicht, was es bedeutet, Däne zu sein,“ erklärte Einwanderungsministerin Inger Stojberg dazu. – Und jetzt? Wo der Händedruck als Infektionsrisiko so was von out ist? – Konsequenterweise hat Dänemark alle Einbürgerungen bis auf weiteres aufgeschoben.

Wird es überhaupt noch einmal eine Chance geben, Staatsbürgerin oder Staatsbürger von Frankreich oder von Dänemark zu werden? – Ginge es nach dem Virenberater des amerikanischen Präsidenten, Anthony Fauci, sollten sich die Bewerber ein anderes Einwanderungsland aussuchen. Er empfahl vor ein paar Tagen ganz dringend, sich nie mehrdie Hand zu geben.

Nun sorgen Seuchen für eine oft radikale Änderung der gängigen Sitten. Aber die Sitte des Handschlags war schon auf dem Rückzug, als sich Julia Klöckner und Thomas de Maiziere für sie noch in die Bresche warfen. Denn seit den „68ern“ gehören in Deutschland der Handschlag – das Händegeben oder –Schütteln – zu den zum Aussterben verurteilten Begrüßungsformen. Seit fast vierzig Jahren also schon ist man hier – zumindest in Westdeutschland – von dieser Geste abgekommen, die an die Duelle früherer Jahrhunderte erinnert. In Ostdeutschland, wo der Handschlag bis 1989 noch flaggenträchtiges Staatssymbol war, ist das etwas anders. Dort geben sich 60 Prozent der Leute tatsächlich noch die Hand. In Westdeutschland dagegen ist man längst schon – nach einer kurzen Zwischenperiode des sich überfallartigen Umarmens – zum französisch-bayrischen „Bussi“ oder „la bise“ übergegangen. Oder begnügt sich mit lässigem Handheben. Bei letzterer Gestewird es, behält Anthony Fauci, recht, in Zukunft auch wohl bleiben. 

Um den guten alten Handschlag ist es auch nur aus einem Grund schade: Dort, wo er immer noch geboten ist, etwa wenn einem neu gewählten Ministerpräsidenten gratuliert werden soll, das aber – wie im Fall Thomas Kemmerichs, verweigert wird, fehlt künftig ein Instrument ostentativer politischer Distanzierung. 

WDR 3 Mosaik 14. Mai 2020