Jürgen Lodemann, Mars an Erde. Roman

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Jürgen Lodemann, Mars an Erde. Beschreibung eines Planeten. Roman. Verlag Klöpfer/Narr. 259 Seiten.25 Euro

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Im Jahr 1877 beobachtete und beschrieb der italienische Astronom Giovanni Schiaparelli die sogenannten Marskanäle. Damit trat er eine Science-Fiction-Lawine los, die bis heute rollt. Erblickte man in diesen „Kanälen“ doch den Beweis für Leben auf unserem Nachbarplaneten. Seitdem bevölkern „Marsianer“ die literarische Phantasie, inspirierten H. G. Wells zu seinem Roman „Krieg der Welten“ und Orson Welles zu dessen Hörspiel-Adaption, die noch den Zeitgenossen des Jahres 1938 einen sehr realen Schrecken einzujagen vermochte. Dieser Spuk hätte eigentlich im Jahr 1965 zu Ende sein müssen. Da brachte die Mars-Sonde „Mariner 4“ von ihrer Expedition nämlich den Beweis dafür mit, dass die „Marskanäle“ nichts weiter sind als eine optische Täuschung. – Ein Schriftsteller wie Jürgen Lodemann lässt sich durch so etwas nicht beeindrucken. In seinem jüngsten Roman spinnt er das Märchen vom bewohnten Mars munter weiter. Bietet es ihm doch Stoff für eine eingängige Parabel auf das dank Klimakatastrophe kurz bevorstehende Ende der Erde. Das liegt ihm offenbar so sehr am Herzen, dass er dem Leser schon gleich zu Beginn des Romans, auf Seite 27, dessen Pointe verrät.

Worum geht es? – Schlicht darum, dass endlich zur Kenntnis genommen wird, was der Fall ist. Ende Gelände. Dass Schluss ist mit der globalen Technik des Ablenkens. Des Schönredens. Dass Hirne, die jede wirkliche Neuigkeit im Grunde für unbequem halten, doch noch in Kontakt geraten mit dem, was abläuft. Um es mal ganz einfach zu sagen: Was über Mars zu wissen ist, das ist Zukunft der Erde.“

Das sagt Frank Brandt, ein deutscher Weltraumfahrer, der gerade von einer internationalen bemannten Mars-Erkundung zurück ist. Er sitzt in der hintersten Ecke eines Flugzeugs, das ihn von Denver in den USA zurück nach Deutschland bringen soll. Aufgestöbert hat ihn dort der Journalist Marc Hecker, der Wind davon bekam, dass mit der Mars-Expedition etwas nicht stimmte. Die tägliche Fernseh-Übertragung vom Mars zur Erde wurde nämlich bereits nach dem ersten Tag abgebrochen. Warum, erfährt Hecker erst nach einem langwierigen Feilschen mit dem misstrauischen Astronauten, der ihn anfänglich für einen CIA-Agenten hält. Denn Brandt ist auf der Flucht vor den Amerikanern, die ganz offenbar etwas vertuschen wollen. Nur dank eines russischen „Whistleblowers“ mit dem frappierend klandestinen Namen „XY“ gelang ihm die Flucht. Das Feilschen zwischen Astronaut und Journalist nimmt das ermüdende erste Drittel des Romans ein und offenbart bereits dessen grundlegenden Schwächen: Seine Langatmigkeit wie seine stilistische Inkompetenz. Nicht nur, dass die beiden Protagonisten seitenlang pointenlos drumherum reden. Sie tun es in einer Sprache, die einerseits kalauernd Comic-Jargons nachahmt…

Danke, Brandt, für diesen Einstieg. Rasanter Beginn. Allmählich kommen Sie erstaunlich in Fahrt. Zum Lohn einen Drink? – Ach Hecker, wenn ich jetzt diese Stewardess dort, ja, die junge, nach der auch Sie dauernd hinplieren, wenn ich nun dieses spitzbrüstige Wohlgedeih in eine Kabine manövrierte…

Zum anderen strotzt der Text auf fast jeder Seite vor bildungsbürgerlichen Gespreiztheiten, die weder mit dem Plot der Geschichte noch den in ihr handelnden Personen irgendetwas zu tun haben. Ganz offenbar diktiert hier die Eitelkeit des Autors die Dialoge seines Protagonisten. Der Astronaut Brandt, ein Naturwissenschaftler, kennt sich im literarischen Betrieb genau so aus wie der Autor Lodemann. Deshalb bleibt auch auf dem Mars nicht unerwähnt, dass es sich bei Peter Rühmkorff um einen „sehr guten Lyriker“ handelte, Marie Luise Kaschnitz Büchner-Preisträgerin war und ihr Werk „unerreicht“ bleibt. – Der Hauptteil des Romans – die Schilderung der Mars-Expedition und der Entdeckungen auf dem Planeten durch den Astronauten Brandt – sind ebenso langweilig wie sein Anfang. Auf allerumständlichste Weise, jede mögliche Spannung so lang dehnend, bis sie endgültig zerlabert ist, erzählt Brandt dem Journalisten Hecker, was man schon von Anfang an ahnte: Dass der Mars vor Jahrmilliarden von menschenähnlichen Wesen besiedelt war und deren Zivilisation aus den gleichen Gründen zusammenbrach, aus denen nun das Ende der Menschheit droht.

Es schien, dass sie mit immer tollerer Technologie gerade die Lebensmöglichkeiten zugrunde richteten, die sie mit diesen Techniken hatten steigern wollen. Gerieten in fatale Spiralen, in unabänderlichen Zukunftssog. Die finale Katastrophe kam ähnlich plötzlich über den Planeten wie sie in Pompeji aus dem Vesuv platzte oder atomar über Hiroshima und Nagasaki.

Jürgen Lodemann hat sich über die Jahre in fast jedem literarischen Genre – vom Kinder- und Sachbuch bis zum Krimi – mit einigem Erfolg ausprobiert. Die Herausforderung „Science-Fiction“ aber unterschätzte er gewaltig. – „Science-Fiction“ ist spätestens seit Stanislaw Lem ernstzunehmende Literatur. In diesem Feld kann man es sich mit einem so  schludrigen Sprachstil und einer so schlicht gestrickten Story nicht mehr leicht machen. – Dann doch lieber Perrry Rhodan.

WDR 3 Mosaik 25.Mai 2020