Nach Corona

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Dass man durch Schaden klug wird, gehört zu den unumstößlichen Regeln des Alltagslebens. Ob die denn tatsächlich auch befolgt werden, ist eine ganz andere Sache. Die Corona-Krise ist zwar noch nicht überstanden. Der Schaden also noch nicht vollständig zu überschauen. Doch scheint es nicht zu früh, danach zu fragen, welche Lehren daraus zu ziehen sind: Waren die Maßnahmen, sie zu bewältigen, erfolgreich? Würden sie auch bei der nächsten Krise taugen? Und vor allem: Was ist zu tun, damit es beim unweigerlich folgenden nächsten Mal überhaupt nicht erst zu einer Krise kommt? Also nicht mehr dazu, dass die Nation durch furchterregende Zahlen in Schrecken versetzt, ihr durch Horrobilder aus Intensivstationen in Italien die Apokalypse vor Augen geführt wird? Die Menschen nicht noch einmal in Angst erstarren, sondern besonnen und verantwortungsvoll mit den Viren zu leben lernen?

Die erste Bilanz der Reaktionen auf die Corona-Krise hier in Deutschland ist positiv. Es hat sich gezeigt, dass die staatlichen Institutionen und das Gesundheitswesen hierzulande in der Lage waren, die Pandemie fürs erste zu meistern. Die auftretenden Mängel und Fehler aber machten die Schwachstellen deutlich: Es gab oft zu wenig Schutzausrüstungen für das Personal im Kranken- und Pflegewesen. Infolgedessen infizierten sich nach Angaben des Robert-Koch-Instituts vom 20. Mai mehr als 20.000 Pflegekräfte und Ärztinnen. Mindestens 60 starben. 

Die hastig aus dem Boden gestampften zusätzlichen Intensivstationen erwies sich zwar als überflüssig. Dass man sie aber überhaupt in Angriff nehmen musste, ist eine Folge der extrem ausgedünnten deutschen Krankenhaus-Landschaft. So stellte sich in der Krise heraus: Die Privatisierung des deutschen Gesundheitssystems in den letzten Jahrzehnten war eine enorme Fehlentwicklung. Die Krankenhausmedizin ist von einem System der Gesundheitsvorsorge zu einem der Gewinnmaximierung verkommen. 

Durch Schaden klug werden heißt also hier: Gesundheits-Für- und Vorsorge endlich zu einem gemeinnützigen Projekt zu machen. Wenn dort Gewinne erzielt werden, müssen sie im System bleiben. Das betrifft übrigens nicht nur die Krankenhäuser, sondern auch die Krankenkassen. Es ist höchst überflüssig, dass hundert Krankenkassen gegeneinander konkurrieren. Eine genügte, die Kosten der allgemeinen Gesundheitsvorsorge zu finanzieren. Und es ist nicht nur ungerecht, sondern auch unrentabel, dass sich das gutverdienendes Zehntel der Bevölkerung durch Privatversicherungen immer noch aus der gesellschaftlichen Solidarität verabschiedet. Warum gibt es bei uns noch keine Bürgerversicherung? Und schließlich: Warum ist das deutsche Gesundheitssystem Pharmaherstellern mit obszön hohen Gewinnen ausgeliefert? Die Engpässe in der Versorgung mit Medikamenten demonstrierten, dass der Staat den Pharmabereich stärker unter seine Kontrolle bringen, die entsprechende Forschung an den Universitäten großzügiger ausstatten sollte.

Alles Probleme, die eigentlich schon länger auf dem Tisch lagen. Durch die Krise sind sie aber dringlich geworden. Wenn wir durch Schaden klug werden wollen, kann die Antwort nur lauten: Das Gesundheitswesen wieder als System der Daseinsvorsorge zu begreifen. Und die Daseinsvorsorge wiederum als originär staatliche Aufgabe. 

WDR 3 Mosaik 3. Juni 2020