Le FIEF. Eine interkulturelle Begegnungsstätte in Südfrankreich

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Die deutsch-französische Freundschaft war nach dem 2. Weltkrieg einer der Motoren des europäischen Einigungsprozesses. Entsprechend liebevoll und aufwändig wurde sie von beiden Seiten gepflegt. Doch Freundschaften pflegen manchmal zur Routine zu werden, das Interesse aneinander abzuflachen. Eine der ersten deutsch-französischen Begegnungsstätten, das „Foyer International d’Etudes Francaises“ – Le FIEF –  im südfranzösischen Drôme hat das zu spüren bekommen.

https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr5/wdr5-scala-hintergrund/audio-deutsch-franzoesischer-kulturaustausch-100.html

https://www.lefief-drome.com/gite-drome/de/das-fief.html

Das „Foyer International d’Etudes Francaises“ – Le FIEF – wurde 1961 auf der spätmittelalterlichen Burg Chateauneuf de Mazanc vom deutsch-französischen Widerstandskämpfer und Pädagogen Ernest Jouhy gegründet, einem aus Berlin stammenden deutschen Juden. Maria Komander leitet heute die Begegnungsstätte:

Und als er hierher gekommen ist, weil ja seine Identitätskarte, die er während des Zweiten Weltkrieges bekommen hat, um die Leute kennenzulernen, die ihm diese zweite Identität ermöglicht haben, hat er gesagt: Hier muss es sein, hier soll der Begegnungsort entstehen, in dem sich die Franzosen und die Deutschen kennenlernen und gemeinsam was erleben können. Damit diese Angst vor dem anderen und diese Horrorvorstellungen, die man vom anderen hat, das sollte weggedacht werden.

Doch so einfach „wegdenken“ konnte man wenige Jahre nach dem 2. Weltkrieg nicht das, was bei beiden Nationen als „Erbfeindschaft“ galt: Ein durch die Demütigungen einer ganzen Reihe von Kriegen und entsprechend viele gegenseitige Vorurteile getränktes, tiefes Misstrauen. Ernest Jouhe setzte auf die Unvoreingenommenheit der Jugend. Er machte aus der alten Burg einen Ort, wo sich deutsche und französische Schulklassen und Studentengruppen begegnen und in gemeinsamen Seminaren die Vergangenheit aufarbeiten konnten. Aus dem FIEF im Drôme wurde ein lebendiger, gerne und gut besuchter Baustein der neuen deutsch-französischen Freundschaft. 

In den 60er Jahren war das Engagement der Jugend für ein besseres Europa und das ging dann hauptsächlich eben über die deutsch-französische Freundschaft, das waren wirklich die Motoren. Und wir haben gedacht, wir können das verändern und es gab einen ganz großen Einsatz. Und mittlerweile: Europa hat sich so ein bisschen auseinander gelebt. Und das spüren wir hier schon seit einigen Jahren. Die Tendenzen sind ja: Europa entwickelt sich nach Osten hin und viele Gelder fließen in andere Regionen und in andere Länder. D.h. diese deutsch-französische Freundschaft ist so ein bisschen in den Hintergrund geschoben worden. Was eigentlich negativ ist für Europa.

Ich denke man muss sehr unterscheiden, auf welche Phasen auf der europäischen Einigung man schaut.

Frank Baasner ist Romanist, lehrt an der Universität in Mannheim und ist Direktor des bereits 1948 gegründeten Deutsch-Französischen Instituts in Ludwigsburg.

Natürlich war die unmittelbare Nachkriegszeit sehr emotional aufgeladen: Neustart nach einem völligen Zusammenbruch für Deutschland. Schwieriger Aufbau auch für Frankreich, was ja wirtschaftlich ziemlich am Boden lag. Da war also sehr viel emotionale Charge drin und die hat es natürlich in anderen Phasen auch europäisch gegeben. Da gibt’s aber auch viele Phasen, wo das mitnichten der Fall ist. Wo jeder erst mal an sich denkt, wo man zuerst gar nicht glaubt, dass Europa so wichtig wäre.

In die deutsch-französische Nachkriegsfreundschaft ist inzwischen Normalität eingekehrt. Manche sprechen von einer „Banalisierung“. Auch das Interesse der Jugend aneinander scheint nachgelassen zu haben. Im FIEF beobachtet Maria Komander seit etlicher Zeit, dass immer weniger Studentengruppen und Schulklassen auf die Burg im Drôme kommen. Darauf reagierte der Verein mit einem Umbau seines Programms, verlagerte seinen Schwerpunkt auf einen internationalen Kulturaustausch. Maria Komander:

Wir haben dann hier eine Partnerschaft aufgebaut, die vom Deutsch-Französischen Jugendwerk unterstützt wird mit dem „Forum“ in Bayreuth, eine Verbindung für die Ausbildung junger Künstler. Und das machen wir jetzt seit einigen Jahren schon. D.h. während des Sommers finden hier Seminare bzw. Workshops statt und in Bayreuth auch. Und es kommt immer zu der Begegnung dieser zwei Nationen. Die Bedingung ist natürlich, dass Franzosen und Deutsche an diesen Workshops teilnehmen und dass sie gemeinsam ein Projekt ausarbeiten bzw. erst mal zusammenarbeiten und auch Vergleiche anstellen können: Wie sieht es für einen Künstler in Deutschland aus? Wie sind die Bedingungen hier in Frankreich? Ein bisschen Sprachanimation und dann hier, im FIEF, finden die Marionettenkurse statt, wir haben dann ein Improvisationstheater und Commedia dell Arte, das ist ein Maskentheater, das wir hier anbieten.

Die Theater- und Musik-Workshops im FIEF sind nicht für Profis gedacht, sondern für alle, die Lust am Theaterspielen und Musizieren haben und sich für die französische und die deutsche Sprache interessieren, auch wenn sie sie nicht beherrschen. – Gemeinsam erlebte Kultur, das ist eine alte Idee, ist das Instrument, das nationalen Vorbehalte und Vorurteile schneller und besser abbaut als tausend politische und intellektuelle Symposien. Eine Idee, die etwa auch in Israel funktioniert, wo Palästinenser und Juden zum Beispiel miteinander musizieren. – Die Verwirklichung dieser Idee im FIEF besteht auch darin, gemeinsam Kultur zu produzieren. Frank Baasner:

Wenn man Kultur eng definiert als Kunstproduktion, als Kunstgewerbe, dann würde ich sagen, ist der deutsch-französische Austausch stark. Aber wenn man es ein bisschen breiter fasst und die breite Kultur, darunter auch die Kenntnis des Landes betrachtet, da gibt es sicherlich noch einen großen Bedarf in Deutschland. Weil nicht alle Bürgerinnen und Bürger sich mit Frankreich im Austausch, auch touristisch, beschäftigen. Von daher könnte man hier bestimmt noch sehr viel machen .

Das FIEF gibt sich da sehr viel Mühe. Übrigens nicht nur kulturell, sondern auch touristisch. Die Burg steht für Wandergruppe offen und bietet neben Sprachkursen, französischem Theater und neapolitanischer Folklore auch Exkursionen in die provencalischen Voralpen an.

WDR 5 Scala 17. August 2020