Commedia dell’Arte im Lavendelfeld. Ein Workshop im südfranzösischen Drôme

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„La morte di mariteto“ ist einleicht anzügliches Liebeslied. Denn der Liebhaber betet, dass der Ehemann seiner Angebeten sterben möge… Es singen Olivia und Alberto Nason, Tochter und Vater. Sie gehören zu der von Alberto geleiteten professionellen Theater-Companie, die mit einem Commedia-dell’Arte-Programm über die Lande zieht. Regelmäßig gastieren sie hier oben in Chateauneuf-de-Masenc und veranstalten Workshops. Denn in der Hochburg befindet sich seit 1961 eine vom Verein „Foyer International d’Etudes Francaises“ – Le FIEF – betriebene deutsch-französische Begegnungsstätte. Begründet wurde sie 1961 vom deutsch-französischen Widerstandskämpfer und Pädagogen Ernest Jouhy, einem aus Berlin stammenden deutschen Juden.Maria Komander:

„Und als er hierher gekommen ist, weil ja seine Identitätskarte, die er während des Zweiten Weltkrieges bekommen hat, um die Leute kennenzulernen, die ihm diese zweite Identität ermöglicht haben, hat er gesagt: Hier muss es sein, hier soll der Begegnungsort entstehen, in dem sich die Franzosen und die Deutschen kennenlernen und gemeinsam was erleben können. Damit diese Angst vor dem anderen und diese Horrorvorstellungen, die man vom anderen hat  das sollte weggedacht werden.“

Maria Komander ist Deutsche, lebt aber fast schon ihr ganzes Erwachsenenleben hier oben in Chateauneuf-de-Masenc und ist jetzt Präsidentin des Vereins Le FIEF.

„Die ersten Jahren war es wirklich deutsch-französische Begegnung mit Universitäten und mit Schulklassen, und das ist in den 80er Jahren ein bisschen zurückgegangen. Und wir haben dann hier eine Partnerschaft aufgebaut, die vom Deutsch-Französischen Jugendwerk unterstützt wird, mit dem „Forum“ in Bayreuth, eine Verbindung für die Ausbildung junger Künstler. Und das machen wir jetzt seit einigen Jahren schon. D.h. während des Sommers finden hier Seminare bzw. Workshops statt und in Bayreuth auch. Und es kommt immer zu der Begegnung dieser zwei Nationen. Ein bisschen Sprachanimation und dann hier, im FIEF, finden die Marionettenkurse statt, wir haben dann ein Improvisationstheater und Comedia dell Arte, das ist ein Maskentheater, das wir hier anbieten.“

Capitaine:                       Et les bateaux sont braves dans la mer. La mer qui devient le sépulcre pour ce téméraire qui oserait me défier

Pulcinella:                        Oh! Ce fit un beau coup mon capitaine!

Capitaine:                         Merci Pulcinella!

Pulcinella:                         Ce fit un très beau coup mon capitaine!

Capitaine:                         Merci Pulcinella!

Pulcinella :                       Ce fit un très très très …on applaudit le capitaine! Stop! Mais le mien fit encore meilleur.

Olivia und Alberto spielen eine typische Commedia-dell’Arte-Scene: Der Kapitän, ein notorischer Aufschneider, gibt damit an, einmal eine ganze Flotte versenkt zu haben. Pulcinella, der listige Diener, applaudiert, aber nur, um anschließend mit einer noch tolleren Heldentat anzugeben. Er habe einem frechen Trottel mit einem einzigen Schwerthieb Kopf, Hände und Füße abgeschlagen…

Capitaine:                         Pardon?

Pulcinella :                       Et oui ! Car d’un seul coup d’épée – zac – j’ai tranché la tête, les mains et les pieds d’un petit couillon qui m’a emmerdé

Capitaine:                         Un seul coup d’épée, hein?

Pulcinella:                         Et oui ! 

Diese oder eine andere Szene könnte das Endprodukt des 10-tägigen Workshops sein, den Alberto demnächst leiten wird. Und zwar nicht nur für Schauspieler, sondern für alle, die Lust am Theaterspielen haben und sich für die französische Sprache Interessieren, auch wenn sie sie nicht beherrschen… Maria Komander:

„Wir haben hier eine deutsche Assistentin, das ist eine junge Person, die beide Sprachen beherrscht und die dann während dieser Workshops mit teilnimmt und die Verständigung ermöglicht. Und die Dozenten sprechen entweder Französisch oder Deutsch und manchmal Englisch auch, also zur Verständigung kommt es eigentlich ganz gut.“

Im Workshop, den Olivia und Alberto gerade vorbereiten, erlernen die Teilnehmer als erstes die typischen Charaktere bzw. Masken der Commedia dell’Arte. Denn das aus dem Süditalien des 16. Jahrhunderts stammende Theaterspiel arbeitet mit immer den gleichen maskierten Rollen, die feststehende Eigenschaften haben. Der Capitain zum Beispiel ist wie gehört ein Angeber und außerdem ein Feigling, der bucklige und langnasige Diener Pulcinella gefräßig und hinterlistig, Pantaleone ein alter Geizkragen, Arlecchino mit seiner lustigen Maske immer fröhlich und auch ein Fressack. Deren Charaktere werden durch eine ganz bestimmte, Körperhaltung und vor allem: Durch eine ganz bestimmte Sprache unterstützt.

Alberto: Das ist eine Sprache, eine neue Sprache. Und die Teilnehmer müssen lernen jede Sprache. Weil eine Sprache für jede Rolle ist der ganze Körper und die Stimme…

Olivia: Zum Beispiel wenn er jetzt ein Pantalone macht, dann muss er die Stimme (verzerrt ihre Stimme) ein bisschen so und auch ein bisschen die Zähne nach hinten…

Alberto : Pantalone ist der alte Mann, er ist geizig, er ist verliebt, immer…

Olivia: In hübsche junge Frauen (lacht)

Alberto: Dann kommt auch, was sehr wichtig ist, die Stimme, wie Olivia sagte. (imitiert einen „Alten“) Ich spreche nicht wie eine junge Mann, aber wir brauchen ein bisschen… Und so weiter. Und dann (laut) Dokteur, er spricht hui! Er hat zwei Wochen in Berlin studiert und er weiß alles. (Lachen). Und dann sind da die Bediensteten, die Diener, das ist Pulcinella, dann haben wir Harlecin, Harlecin ist jemand (imitiert) der spricht immer sehr schnell und er will immer gute schöne maken, aber…

Olivia: Er tut immer das Falsche! (lacht) 

Alberto: Er macht immer das Gegenteil. Und die dritte Rolle ist Brigella, er (imitiert) stottert immer, weil er braucht Zeit zum Denken, was er antwortet…

Sind die bestimmten Rollen, ihre Körperhaltung und Sprache einstudiert, werden die dazugehörigen Kostüme und die Masken verteilt – und dann geht es an die Erarbeitung des eigentlichen Stückes…

Olivia: Das sind nicht Geschichten, die schon geschrieben worden sind, sondern dann schreibt man, – zum Beispiel der Alberto hat schon Workshops geleitet und da hat er immer gefragt: Was wollt ihr jetzt für eine Geschichte erzählen?

Maria Komander: Die Geschichten entstehen mit den Workshop-Teilnehmern, sie schreiben sie, beziehen sich auf Aktualität, politisch oder wie auch immer geschrieben und auf Commedia-dell’Arte-Art-und-Weise umgesetzt. Das heißt die Masken, der Rhythmus und die Musik wird das alles eingeführt und dann ist das eine Geschichte, die hier entstanden ist.

Deutschlandfunk 23. August 2020