Falscher Alarm

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Heute morgen um 11 Uhr gab es zum ersten Mal seit der Wiedervereinigung, also seit 30 Jahren, wieder bundesweit einen Probealarm mittels Sirenen. Zweck dieser von der Innenministerkonferenz beschlossenen Übung soll sein, die Bevölkerung wieder an diese Alarmtöne des Krieges und Kalten Krieges zu gewöhnen. 

https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr3/wdr3-resonanzen/audio-zwischenruf-falscher-alarm-beim-probealarm-100.html

Der an den Nerven zerrende, kreischende, auf- und abschwellende Ton von Sirenen ist tief im Kollektivgedächtnis der Deutschen verankert. Natürlich auch in dem der Briten. Über denen ging seinerzeit der Luftkrieg ja los. Dieser Ton verbindet sich nämlich mit der Vorstellung von über Städten heruntergehenden Bombenteppichen, von brennenden Häusern, von Bunkernächten und tausendfachem Tod. Diese Vorstellung blieb deswegen so lange auch nach dem Krieg lebendig, weil man im darauf folgenden Kalten Krieg die Sirenen immer noch zum „Probealarm“ heulen ließ. Um die Furcht vor der „Roten Gefahr“ lebendig zu halten.

Seit dem Ende des Kalten Krieges, seit der Wiedervereinigung vor 30 Jahren, schweigen in Deutschland die Sirenen. Sie hatten ihre Funktion verloren. Wenn es in den Städten trotzdem noch einmal, etwa wegen einer gefundenen Weltkriegs-Bombe, Alarm gibt und Häuser evakuiert werden müssen, dann geht die Feuerwehr von Tür zu Tür. Das hat bisher genügt. Warum müssen wir jetzt aber wieder an die Sirenentöne gewöhnt werden? Denn das Ziel der bundesweiten Übung ist, so die Verlautbarung des zuständigen Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, den „Laut der Sirenen und deren Bedeutung wieder nahezubringen.“

Warum? „Wir glauben, dass es ungemütlich werden wird“, sagt der Präsident dieses Amtes, gibt das Stichwort „Klimawandel“, spricht von „Jahrhundertfluten“, „unzählbaren Starkregenereignissen“, ja sogar vor „denkbaren Erdbeben etwa in der Kölner Bucht.“ Dass davor ausgerechnet durch vom Rost befreite alte Weltkriegssirenen gewarnt werden soll, klingt im Zeitalter von Smartphones und darauf installierten Warn-Apps ziemlich von Vorgestern. Selbst wenn diese Apps nicht immer zuverlässig funktionieren. Eher steht da der Verdacht von Panikmache im Raum. Den der Präsident natürlich weit von sich weist. Im gleichen Atemzug aber wieder befeuert, wenn er dazu rät, stets „für zehn Tage Vorräte“ zu Hause zu haben. 

Die Politik will sich nicht nachsagen lassen, dass sie nicht vor den noch auf uns zukommenden Katastrophen gewarnt hat. Denn drohen nicht neben Unwettern, Überschwemmungen und Hitzewellen ständig auch Industrieunfälle, Schadstoffaustritte, radioaktive Strahlungen, – und außerdem die nächste und übernächste Welle der Corona-Krise? Da sind doch ein bisschen Panikmache und der jährliche Sirenen-Probealarm recht nützlich, um uns wachsam und auf die nächste Katastrophe vorbereitet zu halten?

Nein. Er sind bloß Ablenkungsmanöver. Denn wir brauchen ja gar nicht vor der nächsten Katastrophe gewarnt zu werden. Wir wissen, dass wir längst schon mittendrin leben. Wir wissen, dass der ungebremste CO2-Ausstoß unsere Umwelt, der Feinstaub unsere Lungen, die UV-Strahlung unsere Haut zerstören. Die Sirenen hätten schon seit Jahren ununterbrochen heulen müssen. Jetzt und in Zukunft können sie bloß daran erinnern, dass es eigentlich schon zu spät ist, die Katastrophe abzuwenden. 

WDR 3 Resonanzen 10. September 2020