Helfer in Uniform, nein danke

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Die Abneigung der Berliner gegen Bundeswehruniformen hat Tradition: Vor ein paar Jahren wollten sie der Bundeswehr verbieten, in den Schulen Werbung für sich zu machen. Jetzt lehnen sie die Hilfe der Uniformierten in der Corona-Krise ab. Alle Berliner? Nein, nur die Kreuzberger. Das liegt auch daran, dass im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg linke und grüne Stadtverordnete in der Mehrheit sind. Die haben bereits im Juni beschlossen: „Bundeswehr raus aus den Gesundheitsämtern!“ Gestern Abend haben sie das noch einmal bekräftigt – gegen den Willen der grünen Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann. Der linke Antimilitarismus lebt – als Posse.

Einer der populärsten Uniformträger ist für die Deutschen immer noch Wilhelm Voigt. Wilhelm Voigt? Ja! Der „Hauptmann von Köpenick“, derjenige, der sich im Jahr 1906 in einer falschen Hauptmannsuniform einen Trupp Gardesoldaten unterstellte und mit ihnen das Rathaus von Köpenick um umgerechnet 22.000 Euro erleichterte. Nicht nur wegen dieses dreisten Überfalls wurde Voigt zum Volkshelden. Sondern vor allem, weil er der Vergötterung der Uniform im deutschen Kaiserreich der Lächerlichkeit preisgab.

Spätestens seit dem Ende des Kaiserreichs 1918 hat die Verachtung der Uniform in Deutschland Tradition. Ihr Hort war von Anfang an die politische Linke, doch fanden Pazifismus und Antimilitarismus auch weit ins bürgerliche Lager hinein Anhänger. – Obwohl die Bundeswehr inzwischen als Parlamentsarmee und „Bürger in Uniform“ von der Mehrheit der Deutschen akzeptiert wird: Über ein „freundliches Desinteresse“, so das Ergebnis einer Bundeswehr-Umfrage, geht das Verhältnis aber immer noch nicht hinaus. Hartnäckig hält sich eine weitverbreitete Abneigung gegen Militäruniformen in der Öffentlichkeit. Sieht man einmal von den Katastropheneinsätzen der Bundeswehr ab. Aber eben: Nur beim Sandsackschleppen sieht man das Feldgrau gerne.

Umso verwunderlicher die hartnäckige Abwehr der Bezirksverordneten des Berliner Stadtteils Friedrichshain-Kreuzberg gegen den Einsatz von sechs Bundeswehrsoldaten im Gesundheitsamt. Was denn anderes als eine Art Katastropheneinsatz ist die Hilfe, die die Bundeswehr den überforderten Ämtern bei der Erfassung und Nachverfolgung von Corona-Infizierten anbietet? Dass die Ablehnung aus „ideologischen Gründen“ geschah, wie die Verteidigungsministerin meint, ist sicher nicht falsch. Ebenso ideologisch aber ist auch ihre publikumswirksam in Szene gesetzte Empörung darüber: Es ist mehr als unwahrscheinlich, dass die Pandemie ohne den Einsatz der sechs Soldaten unkontrollierbar wird und dadurch „Tote“ zu beklagen wären, wie sie unterstellt. – Als CDU-Vorsitzende hat die Ministerin die Kreuzberger Vorlage schlau dazu benutzt, dem linken Berliner Senat mal richtig einen einzuschenken – und sich selbst darüber zu profilieren.

Weniger schlau dagegen ist die Hartnäckigkeit der Kreuzberger Bezirksvertreter, die glauben, mit ihrer Verweigerung tapfer das Fähnchen des linken Antimilitarismus hochzuhalten. Man kann, wie die Linke als Partei das tut, durchaus ein kritisches Verhältnis zu den Auslandseinsätzen der Bundeswehr pflegen. Es gibt sogar Gründe dafür, die Existenz der Bundeswehr als Interventionsarmee in Frage zu stellen und, wie die Linke das fordert, ihren Umbau auf der „Basis strikter Defensivpotentiale“  und „ziviler Konfliktprävention“ betreiben. Sich am Einsatz von sechs Soldaten im Bezirksgesundheitsamt sein Mütchen zu kühlen, ist dagegen eine Farce.

Viel schlauer im Sinne einer linken Antimilitarismuspolitik wäre es gewesen, diesen Einsatz der Bundeswehr zu begrüßen und als Beleg dafür zu loben, dass die Truppe doch zu was nütze ist. Denn es spricht einiges dafür, dass die Katastropheneinsätze in Zukunft nicht weniger werden. Und damit auch die Argumente stärker, aus der Bundeswehr einen zivilen Hilfskorps zu machen.

WDR 3 Resonanzen 2. Oktober 2020