Toxische Männlichkeit

Eingetragen bei: Allgemein, Essays & Kommentare | 0

Zum Tod Sean Connerys

https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr3/wdr3-resonanzen/audio-zwischenruf-ist-der-ur-bond-ein-toxischer-mann-100.html

Der Bart ist zwar nicht unbedingt das Beste im oder am Mann. Immerhin aber steht er stellvertretend für Männlichkeit überhaupt. Für Kraft, Energie, Durchsetzungsvermögen und wie die virilen Attribute sonst noch alle heißen. „Alle die mit uns auf Kaperfahrt fahren, müssen Männer mit Bärten sein“, heißt es folgerichtig im Seemannslied. Weniger folgerichtig schien dagegen bisher, dass mit dem Slogan „Für das Beste im Mann“ eine Marke wirbt, die ihr Geld mit dem Abrasieren von Bärten verdient. Gillette. Gillette aber brachte im letzten Jahr einen Spot heraus, der ganz gründlich den Bart der alten Männlichkeit abschnitt.

Zuerst sah man die bekannten Muster der männlichen Herrschaft: Showmaster, die für das Begrapschen ihrer Assistentinnen Applaus bekamen. Väter beim Grillen, die ihre prügelnden Jungs anfeuerten. Mütter, die die Verprügelten anschließend trösteten. – Darauf folgten Szenen, in denen Männer prügelnde Knaben trennten, die Prügler zurechtwiesen und die Verprügelten trösteten und am Schluss hörte man über Bildern der Jungen eine Stimme aus dem Off: „Die Jungs, die euch heute zuschauen, sind die Männer von morgen.“

Dass ausgerechnet eine Branche wie die Werbung, die bisher mit dem Transport plattester Geschlechter-Klischees ihr Geld verdiente, diese so radikal in Frage stellt, zeigt, dass die Klischees selbst nicht mehr so recht funktionieren. Die traditionelle Vorstellung von Männlichkeit ist erodiert, die Erzählung vom „Ein richtiger Mann ist…“ funktioniert nicht mehr in einer Welt, in der es den männlichen Alleinversorger der Familie nicht mehr gibt. Die geschlechtsspezifische Rollenverteilung ist durchlässiger geworden. Das Bild vom Rauschebärtigen Vater, der engagiert einen Kinderwagen durch den Park schiebt, gehört inzwischen zum Alltag.

Gewiss beleben sich alte Männersehnsüchte immer noch an schwerterschwingenden Muskelpaketen in martialischen Blockbustern. Dass das Kino aber auch ein Ort sein kann und schon vor fünfzig Jahren war, an dem sich die Ambivalenz moderner Männlichkeit entwickeln und entfalten konnte, zeigt die Filmkarriere Sean Connerys. In seinen ersten Rollen als James Bond präsentierte er sich in der brutalen Form von Männlichkeit: Kühl gewalttätig, zynisch und destruktiv. Doch von Anfang an konterkarierte und ironisierte sein spitzbübisch jungenhaftes Grinsen diese Rolle – als bloße Rolle. Und je älter Connery wurde und er aus dem James Bond herauswuchs, um so besser sah er – übrigens meist mit Bart – nicht nur aus. Umso breiter wurde auch dieses Grinsen und augenzwinkernd versicherte er uns, dass er den Macho oder Übervater bloß spielte.

Dieses ironische Spiel mit der Männlichkeit als einer gesellschaftlich bloß zugeschriebenen Rolle zeichnete die Schauspielkunst Sean Connerys aus. Der Charme, den er dabei entfaltete, könnte dazu verführen, ihn nachzuahmen und zu helfen, die Bärte überholter Geschlechterklischees endgültig abzuschneiden. 

WDR 3 Resonanzen 2. November 2020