Giulia Caminito, Ein Tag wird kommen

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Giulia Caminito, Ein Tag wird kommen. Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner.Wagenbach-Verlag. 272 Seiten. 23,– € 

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Familiengeschichten sind Renner auf dem Büchermarkt. Leicht lesbare Gebrauchsliteratur, gern mit autobiografischem Hintergrund. Da scheint sich auf den ersten Blick auch der Roman Giulia Caminitos einzureihen. Sie erzählt eine Familiengeschichte aus der italienischen Region Marken zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Doch schon gleich zu Beginn offenbart sich ihr Roman als wuchtige, sinnliche – und somit anspruchsvolle große Literatur.

Als er auf die Welt kam, war Lupo ein weiteres weinendes, nacktes und schmutziges Kind, und als Stalin in Ancona in einem Hotel arbeitete, war Lupo zehn Jahre alt und sah mit seinen schwarzen Augen den Vater an, dem er alle erdenklichen Schmerzen wünschte.

Lupo ist der zweitälteste Sohn des Bäckers Luigi Ceresa im kleinen Bergdorf Serra de’ Conti, ein wildes, starkes Kind mit einem unerklärlichen Hass auf alles und jeden. Ein Hass, den Lupo ganz offenbar von seinem Großvater Giuseppe geerbt hat, der als Verfemter außerhalb des Dorfes unter ständiger Aufsicht der Polizei lebt. Denn Giuseppe ist Anarchist. Und zum Anarchisten wird sich auch Lupo im Laufe der Geschichte entwickeln. So wie vor dem Ersten Weltkrieg viele in den Marken, wo die Grundbesitzer im Verein mit der Kirche die Bauern noch in halber Leibeigenschaft hielten. – Gaspare, einer aus dem Dorf, klärt den jungen Lupo auf:

„Hier hat früher alles den Pfaffen gehört, doch jetzt gehört es den Freunden der Pfaffen, jetzt ist da nur der König, der dir den Kopf abschneiden lässt, sobald du ihn erhebst“. – Lächelnd berührte Gaspare ihn an der Schulter. – „Und wie bringt man den König um?“, fragte Lupo und blieb mitten auf der staubigen Straße stehen.

Giulia Caminito hat den Roman ihrem Urgroßvater Nicola Ugolini gewidmet, der in Serra de’ Conti lebte – und Anarchist war. In der ansonsten frei erfundenen Romanhandlung trägt der jüngere Bruder Lupos den Namen Nicola. Nicola ist ganz anders als Lupo, ein schwaches, ängstliches Kind, zu nichts nütze in einer archaischen Bauerngesellschaft. Doch Lupo schließt einen Pakt mit Nicola: Er bezahlt die Schule für ihn, auf die er selbst nie gehen konnte. Dafür bringt Nicola ihm die Welt der Zeitungen und des Wissens nahe. – Die sich im ewigen Zwist mit dem Vater entwickelnde Brüderfreundschaft ist aber nur ein Erzählstrang im breit angelegten und sich in überraschenden Wendungen erst gegen Ende aufklärenden Familiendrama. Ein weiterer kreist um Suor Clara, die Äbtissin des über dem Dorf gelegenen Klosters. Dort muss Nella, auch eine Tochter des Bäckers Luigi Ceresa, nach einer ungewollten Schwangerschaft ihr Leben verbringen. Die Äbtissin ist der weibliche Gegenpart zu Lupo. So hartnäckig und eigensinnig wie der seine anarchistischen Ideen verfolgt, verteidigt sie ihr Kloster gegen den gierigen Griff der Amtskirche. – Und Nella vor den Besuchen Lupos, der sie für seine Schwester hält…

Ich möchte die Leserinnen und Leser dazu ermuntern, nicht alles zu glauben und keine verlässliche historische Zeugenschaft zu erwarten…

…schreibt Giulia Camenito im Nachwort ihres überwältigenden, für eine erst 32jährige Autorin unfassbar sprachmachmächtigen, von Barbara Kleiner auf Augenhöhe übersetzten Romans. Sie habe aber versucht, fährt sie fort, sich durch den Roman selbst kennenzulernen und zu wachsen…

…denn im Grunde bin ich Nicola Ceresa, derjenige, der Angst hat und im Kopf nicht ganz richtig ist, dem die Hände zittern und der auf Lupos schaukelnden Nacken blickt, während er die Dorfstraße hinuntergeht. 

WDR 5 Bücher 14. November 2020