John Dickie, Die Freimaurer

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John Dickie, Die Freimaurer. Der mächtigste Geheimbund der Welt. Aus dem Englischen von Irmgard Gabler. S.Fischer Verlag 2020. 544 Seiten. 26 Euro

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Ein Gespräch mit Christian Möller

Christian Möller: Stecken die Freimaurer hinter der Französischen Revolution? Dem Mord an John F. Kennedy? Oder vielleicht zusammen mit Bill Gates hinter Corona? – Der amerikanische Historiker John Dickie hat den Freimaurern jetzt ein Buch gewidmet. Peter Meisenberg hat es für Gutenbergs Welt gelesen. Herr Meisenberg, „Der mächtigste Geheimbund der Welt“, so heißt das Buch im Untertitel, ist das nicht ein bisschen übertrieben?

PM: Nein, ich glaube der Autor hat das überhaupt nicht im Sinn. Das ist ein Werbetrick des Verlages. Im Original heißt der Titel „The Craft. How the Freemasons Made the Modern World“, – also „Wie die Freimaurer die moderne Welt erschufen“, – was auch wieder eine Übertreibung ist, aber es trifft die Sache vielleicht ein bisschen, was die USA angeht. Weil die USA sind ja quasi aufgrund einer Freimaureridee gegründet worden. Die Gründungsväter der USA, Benjamin Franklin und George Washington, waren Freimaurer und haben die Freimaurerei aus England nach Amerika transportiert und insofern trifft es zu, dass die die moderne Welt geschaffen haben. Beispielsweise die Grundsteinlegung des Kapitols, des Sitzes des Kongresses, der Legislative der USA, erfolgte im Freimaurerritus. Das heißt George Washington, der oberste Logenführer sozusagen, führte eine Prozession von Freimaurern an, die alle in ihrem Kostüm auftraten, und dann erfolgte die Grundsteinlegung des Kapitols. – Insofern trifft dieser englische Titele schon ein bisschen: Die Freimaurerei hat etwas mit der Gründung der modernen Welt zu tun. – Ansonsten kann aber von einer wirklichen Macht der Freimaurerei überhaupt nicht mehr die Rede sein. Im letzten Kapitel seines Buches zeiht John Dickie eine eigentlich traurige Bilanz der Freimaurerei: Es gibt zwar noch sechs Millionen Freimaurer auf der ganzen Welt, allein in den USA eine Million, – aber die haben ihre Bedeutung völlig verloren. Beispielsweise die Freimaurerlogen in den USA sind untereinander verstritten, die Weißen wollen die Schwarzen nicht reinlassen, – es gibt also auch eine schwarze Freimaurerloge. In Italien stehen die Freimaurer unter Verdacht, sich mit der kalabrischen Mafia zusammengetan zu haben, der Auto hat das selbst recherchiert und auch Belege dafür gefunden. Und in Frankreich die große Loge „Le Grand Orient“, die nimmt seit 2010 Frauen auf, – das ist aus der Sicht eines Männerbundes doch schon ein bisschen als Niedergang zu betrachten.

CM: Stichwort „Geheimer Männerbund“: Das weist ja auf die Ursprünge der Freimaurerei hin. Im spätmittelalterlichen Schottland entstanden die Freimaurer als eine Art Handwerksgilde der Steinmetze. Kann man das so sagen?

PM: Ja, auch die „Freimaurerei“ kommt ja vom Begriff des „freien Steines“: Das waren nicht einfach Maurer, die einen Stein auf den anderen setzten, sondern die haben die Steine behauen, die haben den Stein überhaupt erst geschaffen, mit dem dann Bauwerke erst errichtet wurden. Insofern haben die sich von vornherein auch als eine Handwerker-Elite betrachtet, – vielleicht ist das auch der Grund dafür, dass sie dann später, in London, attraktiv für andere Gesellschaftsschichten wurden. Im übrigen: Das Geheimnistuerische, das hat mit der mittelalterlichen Gilde  zu tun: Alle Gilden hatten exklusive Rituale, Aufnahmerituale und so weiter, das hat sich dann später ein bisschen verselbständigt.

CM: Von so einem Handwerkerverein zu einem politisch doch recht einflussreichen Geheimbund ist es aber doch ein langer Weg. Wie geht der vor sich?

PM: Das hat etwas mit dem London des beginnenden 18. Jahrhunderts zu tun. Die Freimaurerloge ist quasi von Schottland „ausgewandert“ und hat sich in London neu gegründet. Das waren ziemlich elitäre Handwerker, Architekten teilweise schon, die in der Gilde waren, die haben beispielsweise die berühmte St. Paul’s Cathedral gebaut. Und aus dieser Zeit stammt auch die Konstitution der Freimaurer, also das Dokument, mit dem sie sich gründeten. Und dass sie damals schon eine ziemlich einflussreiche Gesellschaft wurden, hat wesentlich mit dem gesellschaftlichen Klima in London zu tun: Zu Beginn des 18. Jahrhunderts, um 1720 herum, sind in London mit einem Mal tausend neue Kneipen entstanden. Also eine unglaubliche Geselligkeitskultur wurde dann zur Grundlage des Aufstiegs der Freimaurer, die trafen sich in einer Bierschenke „Zur Gans und zum Bratrost“. Und diese geselligen Veranstaltungen zogen immer mehr Leute an, und zwar einflussreiche Leute: Die Freimaurerei war zu Beginn des 18. Jahrhunderts ganz eng mit der Parlamentspartei der Whigs verbunden. Die Whigs waren liberale Parlamentarier, die eine Verfassung anstrebten, eine konstitutionelle Monarchie. Und diese Verbindung mit Whigs hat dann dazu geführt, dass die Ideale, die Werte, die die Freimaurer vertraten, liberale, säkulare Werte waren. Also: Weg vom Monarchismus, weg von einer unmittelbaren Bindung an eine Religion.

CM: Die Freimaurer also letztlich ein Aufstiegsverein mit aufgeklärten Idealen, – wie kommt es denn trotzdem dazu, dass im Laufe der Geschichte immer wieder so Verschwörungstheorien aufkommen und die Freimaurer so übler Verbrechen bezichtigt werden?

PM: Das führt der Autor John Dickie auf die Verschwiegenheit der Freimaurer zurück, also auf die ganzen geheimnistuerischen Rituale, die mit der Aufnahme in den Bund verbunden sind. Er ist selbst kein Freimaurer, der Autor, sondern Historiker, und hat eine ironische Distanz dazu. Ich zitiere mal kurz: „Der Zweck der masonischen Verschwiegenheit ist die Verschwiegenheit. Der ausgeklügelte Verschwiegenheitskult ist eine rituelle Fiktion. All die grauenerregenden Strafen für Wortbrüchige sind nur Theater.“ – Vielleicht ist es darauf zurückzuführen, vielleicht aber auch, dass die Freimaurerei in Frankreich eben nicht diesen liberalen, aufgeklärten Idealen verpflichtet war; die Freimaurer  im vorrevolutionären Frankreich neigten doch eher zur Esoterik, die möbelten die Freimaurerideologie mit Okkultem , mit Alchemie auf, und das hat dazu geführt, dass die Freimaurer große Feinde hatten u d darauf sind dann auch die ersten Verschwörungstheorien zurückzuführen, beispielweise die, dass die Freimaurer die Französische Revolution angezettelt hätten. Und diese Anti-Freimaurerei lädt sich dann im 19. Jahrhundert immer mehr auf, sie werden immer größerer Verbrechen beschuldigt, mischt sich dann mit einem massiven Antisemitismus und der Gipfel ist dann, wie so oft, in der Naziherrschaft, dass die deutschen Freimaurerlogen physisch vernichtet worden sind.

CM: Peter Meisenberg, – was steht unterm Strich? Hat Ihnen das Buch gefallen? Würden Sie es empfehlen?

PM: Ich habe das Buch sehr gerne gelesen, es ist eine spannende Lektüre, es ist keine Lobhudelei der Freimaurerei, John Dickie ist selbst kein Freimaurer, sondern ein Historiker, der sich mit der Mafia beispielsweise beschäftigt hat. Es ist also ein sehr sachliches und manchmal ironisches Buch, – wie gesagt: Ich habe es sehr gerne gelesen.

WDR 3 Gutenbergs Welt 28. November 2020