Apokalypseblindheit

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https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr3/wdr3-resonanzen/audio-zwischenruf-apokalypsen-erschoepfung-100.html

Der Kabarettist Helge Schneider nannte vor ein paar Jahren sein Programm „Akopalypse Nau!“. Damit spielte er wohl nicht nur auf Probleme beim Aussprechen des schwierigen Wortes Apokalypse an. Sicher hatte er dabei auch im Sinn, wie schwer wir Alltagsmenschen uns mit Apokalypsen tun. Da man uns ständig mit irgendwelchen Apokalypsen droht, lehnen wir sie am liebsten ab. Erst recht, wo wir seit fast einem Jahr unter der Dauerapokalypse einer PANDEMIE zu leiden haben. Da soll man uns doch bitte mit noch weiteren Apokalypse-Szenarien verschonen. Beispielsweise mit der Klima- und der Umwelt-Apokalypse.

Nur so ist erklärlich, dass wir letztere unter dem Eindruck des allmächtigen COVID 19 gänzlich verschlafen und vergessen haben. Obwohl sie mit Sicherheit mehr Vernichtungspotential haben als das Virus. Wobei es natürlich auch Leute gibt, die ein großes Interesse daran haben, dass wir die drohenden Klima- und Umwelt-Katastrophen verschlafen und vergessen. Und das sind ausgerechnet die Leute, die für den Kampf GEGEN diese Katastrophen verantwortlich sind. Dieser Wiederspruch mag erstaunen. Wird aber dadurch verständlich, dass wir in einer „marktkonformen“ Demokratie leben, also einer Staatsform, in der die Lobbyisten mit am Ruder stehen.

Nur so ist es auch möglich, dass es bei uns eine Bundeslandwirtschaftsministerin gibt, die alles dafür tut, den Lobbys der Chemie- und Düngemittel-Konzerne, der Lebensmittel-Discounter und der Großgrundbesitzer möglichst freie Hand bei der Gestaltung der Umweltvergiftung und des Artensterbens zu geben. Seit ihrem Amtsantritt verspricht Julia Klöckner zwar dem Wahlvolk eine klimafreundliche Agrarpolitik, geriert sich als Tierschützerin und Bienenfreundin.

Ihr tatsächliches Handeln bzw. Nichthandeln läuft aber auf das genaue Gegenteil dieses von ihr gepflegten Images hinaus. Es ignoriert die dringenden Ratschläge der Wissenschaftler, selbst der Experten in ihrem eigenen Ministerium.

Ungerührt setzt sie bei uns die verheerenden Beschlüsse der „Gemeinsamen Europäischen Agrarpolitik“ vom letzten Herbst durch: Die riesigen Agrarsubventionen gehen weiter vor allem an die, die über die größten Flächen verfügen, also an die Agrarindustrie. Und verhindern damit systematisch die dringend nötige „Agrarwende“ hin zu Klima-freundlicher Landwirtschaft und zum Artenerhalt. Die Apokalypse nimmt also ihren Lauf.

Die größte Gefahr für die Zukunft des Planeten sah der in den 1950 und 60er Jahren als „Atom-Philosoph“ bekannte Günther Anders nicht so sehr in der Atombombe, sondern in der „Apokalypse-Blindheit“ der Menschen: In ihrer Unfähigkeit, sich die schlimmen Folgen ihres Handelns vorzustellen. – Und daran besteht kein Zweifel: Auch die heute drohenden Apokalypsen sind keine Naturkatastrophen, sondern menschengemacht. Es gibt also dafür Verantwortliche. Und hoffentlich auch noch Menschen, die sie verhindern können.

WDR 3 Mosaik 19. Januar 2021