Orlando Figes, Die Europäer

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Orlando Figes, Die Europäer. Drei kosmopolitische Leben und die Entstehung europäischer Kultur. Aus dem Englischen von Bernd Rullkötter. Hanser Berlin. 640 Seiten. 34 Euro

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Im kollektiven historischen Bewusstsein ist das 19. Jahrhundert als die Epoche des extremsten Nationalismus verankert, in der die Europäer sich gegenseitig mit Kriegen überzogen. Deren letzter, der deutsch-französische Krieg von 1870/71, begründete gar die folgenreiche „Erbfeindschaft“ zwischen den beiden Nationen. Umso erstaunlicher ist es da, dass Friedrich Nietzsche, ein heftiger Feind jeden Nationalismus, bereits 15 Jahre nach diesem Krieg, im Jahr 1886, hoffnungsfroh  einen „Prozess der Anähnlichung der Europäer“ heraufbeschwor, der mit einer fortschreitenden „Vermenschlichung“ und „Zivilisation“ verbunden sei. – Eine Erklärung für diesen auf den ersten Blick merkwürdigen Optimismus liefert Orlando Figes: Er sieht bereits im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts durch die Erfindung der Eisenbahn die Schienen in Richtung eines übernationalen „Europäertums“ gelegt. 

Es ging nicht nur darum, Engstirnigkeit zu überwinden. Das Gefühl, Europäer zu sein, war mit der Aufgeschlossenheit verbunden, die sich aus internationalen Reisen ergibt. Die Eisenbahn ermöglichte Menschen überall auf dem Erdteil, sich wie nie zuvor als Europäer zu fühlen.

Dass so innerhalb weniger Jahrzehnte die europäischen Metropolen und damit deren Nationalkulturen aneinanderrückten, war die Voraussetzung für einen umfassenden Vereinheitlichungsprozess. Orlando Figes untersucht das sich darin herausbildende gemeinsame europäische kulturelle Bewusstsein im Sinne einer an Marx orientierten materialistischen Geschichtsschreibung. Er fragt also nach den materiellen Bedingungen dieses Bewusstseins. Das Eisenbahnnetz stellt wie gesagt die Grundbedingung dafür dar, dass sich ein europaweiter Markt für sämtliche Kulturerzeugnisse bilden konnte: Für Musik, für Literatur, für die Kunst. Musiker, Orchester, ganze Opernensembles samt der Kulissen konnten überallhin reisen. Ein für den ganzen Kontinent verbindliches Konzert- und Opernrepertoire entstand. Die durch die Eisenbahn erweckte Reiselust der Europäer machte sie auf andere Nationen – und deren Literatur neugierig. Bald konnte man an allen Bahnhofskiosken von Stockholm bis Mailand die preiswerten Übersetzungen französischer, russischer oder deutscher Schriftsteller kaufen. Ein öffentliches Bibliothekswesens entstand und mit ihm wuchs auch ein verbindlicher Kanon europäischer Literatur. Und in dem Maße, wie die Kunst sich dem Geschmack des Bürgertums anpasste und Kunstwerke zu Waren und Anlageobjekten wurden, bildete sich, wie der Kunstkritiker Théophile Thoré 1855 schrieb, ein europäischer Geschmack, eine „europäische Schule“ der Kunst heraus.

Wenn sich die Künste aller Länder mit ihren heimischen Eigenheiten an den gegenseitigen Austausch gewöhnt haben, wird der Charakter der Kunst allenthalben unermesslich bereichert werden, ohne dass sich das einzigartige Genie jeder Nation ändert. Auf diese Weise wird eine europäische Schule anstelle der nationalen Sekten entstehen.

Große Geschichtsschreibung war schon immer große Erzählkunst. Auch Orlando Figes ist ein großer und kluger Erzähler. Deshalb verknüpft und verflicht er seine Kulturgeschichte des 19. Jahrhundert eng mit den Biografien dreier eben diese Geschichte prägender Persönlichkeiten. Der bedeutende Pariser Kunsthistoriker Louis Viardot ist eine für alles Europäische überaus aufgeschlossenen Gestalt. Seine Frau Pauline in der Mitte des Jahrhunderts eine auf allen europäischen Bühnen präsente und bestens vernetzte Opernsängerin. Mit ihr wiederum ist der russische Schriftsteller Iwan Turgenew durch eine lebenslange Daueraffäre verbunden, – bis zu ihrem Tod im Jahr 1883 leben die beiden Männer mit Pauline in einer einvernehmlichen liaison à trois. Und Turgenew, der elf Sprachen beherrschte, sämtliche Schriftsteller Europas kannte und miteinander bekannt machte, ist in den Augen Figes der Inbegriff eines Kosmopoliten, des neuen Europäers.

Er reiste unablässig, und seine Fähigkeit, sich in Berlin, Paris, Baden-Baden, London und St. Petersburg heimisch zu fühlen, machte das Wesen seines Europäertums aus. Sein Europa war eine internationale Zivilisation, eine Republik der Literatur, die sich auf die Aufklärungsideale der Vernunft, des Fortschritts und der Demokratie gründete.

So facettenreich und lebendig ist dieses Buch, dass man über seine Schwäche leicht hinweg liest, nämlich dass es den Nationalismus als ständigen Widerpart des „Europäertums“ fast vollständig ausblendet. Andererseits aber ist der Nationalismus für das 19. Jahrhunderts ein so eingefahrenes Erklärmodell, dass dem dringend einmal ein Korrektiv entgegengestellt werden musste. Und die Emphase, mit der Orlando Figes dies tut, macht sein „Europäertum“ zu einer Leitidee weit über das 19. Jahrhundert hinaus.

WDR 3 Mosaik 5. Februar 2021