Ein deutscher Mythos: Das Häuschen im Grünen

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Ausgang der Geschichte ist, dass der (grüne) Bezirksamtsleiter von Hamburg Nord in seinen Bebauungsplänen keine Einfamilienhäuser mehr vorsah. Das wurde in Hamburg zum Politikum, der Spiegel befragte den Fraktionschef der Grünen in Bundestag, Anton Hofreiter dazu und der bestätigte seinen Hamburger Kollegen: Einparteienhäuser verbrauchten „viel Fläche, viele Baustoffe, viel Energie, sie sorgen für Zersiedlung und damit für noch mehr Verkehr“. Deshalb sollten die Kommunen durch Bebauungspläne dafür sorgen, dass der knappe Raum in Ballungsgebieten bestmöglich genutzt werde, um bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. – Aus diesen einfachen Aussagen wurde dann übers Wochenende ein bis heute anhaltendes mediales, vor allem von BILD geschürtes Feuerwerk. In das mischten sich natürlich einschlägig interessierte Parteipolitiker ein und unterstellten den Grünen wieder einmal ein „gestörtes Verhältnis zum Eigentum“. 

„Das Eigenheim ist ein Bollwerk gegen den Kommunismus“, sagte Bundesbauminister Paul Lücke im Jahr 1958, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges. Lauscht man dem Echo eines Interviews mit dem Fraktionsvorsitzenden der Grünen, Anton Hofreiter, könnte man meinen, die Roten hätten gerade den Rhein überschritten und nähmen uns unsere Häuschen weg. Todesmutig wirft sich ihnen der thüringische CDU-Landesvorsitzende Christian Hirte entgegen und posaunt, er werde „gegen diese Ideologie kämpfen“. Natürlich, wird man ergänzen können, bis zum letzten Blutstropfen. Denn schließlich geht es um ein deutsches Heiligtum. Das Einfamilienhaus.

Ausgangspunkt ist ein kommunaler Bebauungsplan, der für den Norden Hamburgs keinen Neubau für Einfamilienhäuser mehr vorsieht. Und zwar mit der Begründung, dass angesichts der dramatischen Wohnungsnot in diesem Bezirk Wohnraum für viele statt für wenige geschaffen werden soll. An der in allen deutschen Großstädten herrschenden Wohnungsnot sind die Einfamilienhäuser zwar nicht alleine schuld. Der besinnungslose Ausverkauf städtischen Wohneigentums und städtischen Bodens an Höchstbietende in den vergangenen Jahrzehnten hat sehr viel mehr dazu beigetragen. Doch sorgte auch die Eigenheimmanie dafür, dass die Bodenpreise in den Städten durch die Decke gingen, Baugrundstücke nur noch für Reiche, für wenige also erschwinglich sind.

Insofern ist der Bebauungsplan des Hamburger Bezirks ein durchaus sinnvoller Beitrag zur Bekämpfung der Wohnungsnot. Kommunale Bebauungspläne, die statt Einfamilienhäusern funktionale, d.h. auch für die Bedürfnisse von Alleinlebenden zugeschnittene Mehrfamilienhäuser, außerdem die Verdichtung von Wohnraum in Ballungsgebieten vorsehen, sind nur einige Instrumente kommunaler Wohnungsbaupolitik. Andere sind beispielsweise das Erbbaurecht, mit dem die Städte das Verfügungsrecht über den ihnen verbliebenen Grund und Boden erhalten, etwa für den Sozialen Wohnungsbau vorhalten können.

Dass es daran, am Sozialen Wohnungsbau, nach wie vor hapert, viel zu wenig Mittel dafür bereitgestellt oder abgerufen werden, zeigt, wo die wahren Ideologen im Streit um den Wohnungsbau zu suchen sind. Ein Musterbeispiel dafür, wie sehr sich staatliche Wohnungspolitik immer noch am Mythos der in ihrem Eigenheim hausenden Kleinfamilie orientiert, ist das Schicksal des sogenannten Baukindergeldes. Zwar war es vom Bund als Impuls zur Bildung von Wohneigentum, also auch als Mittel gegen die Wohnungsnot gedacht. Allerdings wurden damit vor allem besser verdienende Kleinfamilien bestücktt. Und die benutzten und benutzen es zu über neunzig Prozent für die Errichtung eines – Einfamilienhauses.

Das Häuschen im Grünen. Wie alle gestrigen Wunschträume gedeiht auch dieser Mythos umgekehrt proportional zu seiner Realisierbarkeit. Bald haben die Schottervorgärten der Häuschen auch das letzte Grüne verschlungen.

WDR 3 Resonanzen 15. Februar 2021