Die Trennung von Öffentlichem und Privaten

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Bundesgesundheitsminister Jens Spahn muss derzeit eine Menge von Schlägen und auch Tiefschlägen einstecken. Ein Tiefschlag, also ein Schlag ins Privatleben, war, dass er öffentlichem Druck nachgeben musste und eine Klage gegen die Berichterstattung über den tatsächlichen Kaufpreis seiner 4,125 Millionen teuren Villa in Berlin-Dahlem zurückzog. Spahn hatte damit argumentiert, dass die Bekanntgabe der genauen Zahl ein unzulässiger Eingriff in sein Privatleben sei. 

Manche erinnern sich vielleicht noch an die Lewinsky-Affäre, die im Jahr 1998 zu einem Amtsenthebungsverfahren des amerikanischen Präsidenten Bill Clinton führte: Es war an die Öffentlichkeit gelangt, dass er – ausgerechnet im Oval Office – mit seiner jungen Assistent Monica Lewinsky eine Affäre unterhalten hatte. Wochenlang verbreiteten die Medien alle möglichen Details. – War – im Unterschied zur Kennedy-Ära, in der die zahllosen Seitensprünge John F. Kennedys nie an die Öffentlichkeit gelangten, die Mauer zwischen Öffentlichem und Privatem endgültig eingerissen? Hatte die „Tyrannei des Intimen“ über das öffentliche Leben gesiegt, wie es der New Yorker Soziologe Richard Sennett drei Jahre zuvor prophezeit hatte?

Das Erstaunliche an der Lewinsky-Affäre war, als sich bei einer Umfrage ein Jahr später herausstellte, dass die Leute eigentlich gar nicht so viel Genaues darüber hatten wissen wollen. Vor allem aber: Dass die Affäre ihrem durchaus positiven Urteil über Clintons Präsidentschaft überhaupt nicht geschadet hatte. Selbst für amerikanische politische Verhältnisse, in denen das Privatleben der Politiker eine sehr viel größere Rolle spielt als bei uns, setzte sich so etwas wie ein politischer Ur-Instinkt durch: Privates und Öffentliches, Intimleben und Politik sollten strikt voneinander getrennt bleiben.

Das ist natürlich schneller behauptet als im Alltag des Politikerlebens praktiziert. Zumal, wenn sich der Einfluss von Politikerinnen und Politikern nicht mehr nur nach ihren Bundestags- und Talkshowauftritten, sondern auch nach ihren followernin den sogenannten sozialen Medien bemisst. Da muss der ständige Spagat zwischen politischer Botschaft und menschlicher, also auch privater Selbstdarstellung vollführt werden. Wer gewählt werden will, muss menschlich, emotional „rüberkommen“, sich als Familien- oder sonstwie nahbarer Gemütsmensch zumindest inszenieren. Andererseits aber kann zu große Distanzlosigkeit zum sofortigen politischen Todesurteil führen. Wie etwa dem über den Bundesverteidigungsminister Rudolf Scharping, der sich 2002 mit seiner Geliebten im Swimmingpool ablichten ließ, während die Bundeswehr in Mazedonien kurz vor einem Kriegseinsatz stand.

Die Philosophin Hannah Arendt sah die Hauptaufgabe des politischen Denkens darin, Unterscheidungen zu treffen. Ganz wesentlich war für sie die Unterscheidung zwischen dem Privaten und dem Politischen. Das Modell des Privaten war für sie die klassische Familie. Die Familienmodell ist im Kern a-politisch, es steht für Abstammung, für Zugehörigkeit und Ausschluss der Nicht-Zugehörigen. Politik dagegen ist das genaue Gegenteil davon, ist das öffentliche, allen, und das heißt auch allen „anderen“ zugängliche Leben. Das Zusammensein von Verschiedenen. Wird die Grenze zwischen Privatem und Politischem überschritten und wird Privates zum Maßstab des Politischen, dann beginnt das zu herrschen, was das Politische zerstört: Ungefiltertes Gefühlsdenken, völkisches, totalitäres Denken, Monokultur, Ausschluss, Säuberung. 

Insofern ist es nicht nur Selbstverteidigung, sondern auch ein Akt politischer Klugheit, wenn Politiker wie Jens Spahn sich gegen einen allzu intimen Blick in ihre Privatangelegenheiten verwahren.

WSR 3 Resonanzen 19. März 2021