Elizabeth Taylor, Mrs. Palfrey im Claremont

Eingetragen bei: Allgemein, Rezensionen | 0

Elizabeth Taylor, Mrs Palfrey im Claremont.  Doerlemann Verlag. Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell. Deutsche Erstübersetzung. 256 Seiten. 25,00 Euro

https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/buecher/lesefruechte/mrs-palfrey-im-claremont-100.html

Das Claremont ist ein Hotel mittlerer Preislage im Londoner Stadtteil South-Kensington. Neben den Touristen, die hier einkehren, gibt es eine Gruppe von Dauergästen: Alte Menschen, die, wie in Großbritannien oft üblich, ihre späten Tagen lieber in einem für sie gerade noch bezahlbaren Hotel statt in einem Altenheim verbringen. An einem verregneten Januarmorgen zieht auch Mrs. Palfrey ins Claremont ein, die Witwe eines vor kurzem gestorbenen Kolonialoffiziers. Bald schon muss sie erfahren, dass die zusammengewürfelte Gemeinschaft der alten Dauerpensionsgäste, in die sie beim allabendlichen Dinner im Claremont gerät, alles andere als ein heimeliger Familienersatz ist: Es sind einsame Menschen, die den Verlust ihres gesellschaftlichen Status und ihrer familiären Bindungen hinter der Fassade dünkelhafter Wohlanständigkeit verbergen. Jede und jeder belauert die anderen und sucht sich auf deren Kosten in Szene zu setzen. Meist geht es darum, wer die häufigsten Kontakte zu seiner Familie hat.

Um halb acht schlenderte Mr. Osmond als Erster in den Speisesaal, gefolgt von Mrs Arbuthnot, langsam, geisterhaft, Schritt für schmerzhaften Schritt, ihre zwei Stöcke immer ein kleines Stück voraus. Sie war wie ein verletztes Insekt. Bei Mrs Palfrey angelangt, hielt sie inne: „Was haben Sie mit Ihrem Enkel angestellt?“, fragte sie. „Wenn wir ihn nicht bald hier sehen, fangen wir noch an zu denken, dass es ihn gar nicht gibt.“ „Oh, er wird schon kommen“, sagte Mrs Palfrey und lächelte.

Doch Desmond, ihr Enkel, denkt nicht daran, seine Großmutter zu besuchen und Mrs Palfrey ist gezwungen zu lügen, um ihr Gesicht zu wahren. Bis ihr dann ein listig genutzter Zufall doch noch einen, wenn auch falschen Enkel zuspielt. Eines Tages stürzt sie auf der Straße, ein junger Mann fängt sie auf, versorgt sie, sie schließen Freundschaft und er willigt schließlich ein, im Claremont ihren Enkel zu spielen. – Damit beginnt eine flott und ironisch, manchmal satirisch überspitzt erzählte Gesellschaftskomödie, die die ältere Generation einer saturierten Mittelschicht auf Korn nimmt, die vornehmer und weltläufiger tut, als sie tatsächlich ist. Auch Mrs Palfrey, die „Heldin“ der Geschichte, ist nicht frei von Dünkel und Überheblichkeit. Doch gewinnt sie im Laufe der Romanhandlung an Statur. Hinter ihrer schroffen, ungeselligen Art erkennt – und bewundert – der Leser ihr Ringen darum, im Alter ihre Würde zu bewahren, auch, wenn es nichts als Einsamkeit für sie bereit hält.

Obwohl sie sich zu alt dafür fühlte, wusste sie, dass sie in ihrem neuen, eigenständigen Leben mutig voranschreiten musste. Sie würde nie wieder jemanden haben, an den sie sich wenden konnte, wenn sie Hilfe brauchte, jemanden, der ihren Arm nahm, der sie tröstete, der ihr zuhörte…

Elizabeth Taylor erweist sich in diesem, ihrem vorletzten Roman, wieder einmal als eine große Menschenkennerin – und Menschenfreundin. Als solche schenkt sie ihrer Mrs Palfrey dann doch ein wenig Zuwendung vom falschen Enkel und ihrem Schicksal ein so schönes, tragikomisches Ende, dass man die Geschichte gleich wieder von vorne lesen möchte. 

WDR 5 Bücher, 1. Mai 2021