200 Jahre Franzosenzeit in Köln

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Heute, am 5. Mai begeht Frankreich zum 200. Todestag Napoleon Bonapartes das „Napoleon-Jahr“: Im ganzen Land wird es dazu aufwendige Ton- und Lichtinstallationen geben, Umzüge und Festreden. Allein in diesem Jahr sollen mehr als 100 Bücher über Napoleon erscheinen. Gleichzeitig findet aber auch eine aufgeregte öffentliche Debatte über den Stellenwert des Empereurs statt: Die Konservativen verteidigen ihn, Linke und Feministinnen greifen seinen Kolonialismus und seine patriarchische Auslegung des code civile, des revolutionären bürgerlichen Gesetzes an. Nichtsdestoweniger beendete dieser 1804 in Kraft getretene code civile überall dort, wo Napoleons Truppen in Europa herrschten, das Mittelalter: Von da an galten hier Gewerbefreiheit, Vertragsfreiheit, gleicher Zugang zur Rechtsprechung, die Behauptung des Staates gegen gegen die Kirche, die Zivilehe, die Emanzipation der Juden usw. – Im Rheinland und vor allem in Köln hat man deshalb einen besonderen Grund, sich positiv an Napoleons Erbe zu erinnern. Denn hier überlebte sein code civile sogar die Preussenzeit und die sogenannte Franzosenzeit lebt hier sogar noch im Karneval fort…

La pääd, la fott, la finster. Wie jeder weiß, können die Kölner seit 227 Jahren, seit die Franzosen 1794 mit ihren Revolutionstruppen die Stadt besetzten, perfekt Französisch. Zu deutsch heißt der französisch-kölsche Satz „la pääd, la fott, la finster“ nichts anderes, als dass ein Pferd im Rückwärtsgang – mit seinem Hintern also, ein Fenster eingedrückt hat. Weitere Beispiele für die innigliche Verquickung beider Sprachen gibt es wie Sand am Meer:

bleu mourant

Aus dem dramatischen „sterbensblau“ wird im Kölschen das harmlose „plümerant“ dafür, wenn es einem ein bisschen schummerig zu Mute ist.

 le bagage

heißt nicht nur das Gepäck, sondern das sagt man auch, wenn man irgendwo mit der ganzen Familie – der janze bagage – aufkreuzt.

queter

hochdeutsch „betteln“, kölsch-französich aber „kötte“

le labour

eigentlich das Ackern im Sinne von Schwerarbeit – im Kölschen wird daraus das Lappöhrchen, also Schwarzarbeit… – Schlicht genial, wie sich die Kölner in der nur 20 Jahre dauernden „Franzosenzeit“ eine fremde Sprache zu eigen machten.

Es ist nicht so, als hätten die Franzosen erst 1794 das Französische ins Rheinland gebracht. Sondern die gebildeten Schichten waren schon vorher stark auf Paris hin orientiert, schon in den Jahrhunderten davor war das Französische so eine Art Leitkultur. Und viele französischen Lehnwörter in der kölschen Sprache die sind älter als die Zeit der Franzosen hier von 1794 bis 1814.

So nüchtern entzaubert der Kölner Historiker Alfred Klever von der „Akademie für uns Kölsche Sproch“ die schöne kölsche Lieblings-Legende. Allerdings räumt er ein, dass man während der Besatzung doch näher zusammenrückte, auch sprachlich…

Das wurde natürlich verstärkt dadurch, dass jetzt hier 18.000 Soldaten hier in der Stadt einquartiert waren. Das muss man sich mal vorstellen: Bei 40.000 Einwohnern 18.000! Das heißt, fast jede Familie hatte so einen Franzosen, den sie durchbringen musste. Die mussten verpflegt werden, die mussten bekleidet werden, die kriegten das beste Zimmer in der Wohnung, – da kam natürlich viel Französisch hin und her: Französisch-kölsch, mit Häng und Föß, irgendwie Verständigung.

Viel wichtiger als die Sprache aber war, dass die junge französische Republik das Rheinland zwar eroberte, aber gleichzeitig auch die Ideale der Revolution hierhin exportierte.

Man sagt ja, mit dem Einmarsch der Franzosen hört in Köln ja eigentlich das Mittelalter auf. Und da haben die Franzosen ja wirklich Bahnbrechendes geleistet: Die Einführung der Religionsfreiheit, Toleranz, zum ersten Mal wieder Juden in der Stadt, die Protestanten kriegten ein eigenes Gotteshaus, die Antoniter Kirche. Dann das ganze Ordnungschaffen in der Stadt…

Und da gab es in der Tat eine ganze Menge zu tun! Bis dahin versank die Stadt im Dreck und nachts in völliger Finsternis. Die Franzosen führten die Straßenreinigung ein und stellten die ersten Laternen auf. Und sie kurbelten die Wirtschaft an, allein schon durch die Aufhebung des Zunftwesens. Von jetzt an durfte jeder ein Geschäft betreiben und ein Handwerk ausüben. Und mit der Einführung des sogenannten Code Civil schufen sie nicht nur die Rechtsgleichheit aller Bürger, sondern auch ein modernes Rechtswesen mit öffentlichen Gerichtsverhandlungen und Appellationsgerichten. 

Also allmählich punkteten die Franzosen. Also zum Beispiel Köln, das kann man sich ja denken, dadurch, dass sie den Karneval mitmachten. Da hatten die Franzosen wenig Berührungsängste. Außerdem sind die Kölner ja nicht nachtragend und passen sich schnell an. Als der Napoleon das erste Mal nach Köln kam, 1804, da ist der hier gefeiert worden. Die Kölner haben dem die Pferde ausgeschirrt und sich selbst da eingespannt und die Kutsche durch die Stadt gefahren und große Begeisterung „Vive l’Empereur!“

Die Begeisterung der Kölner für Frankreich und die Franzosen hat sich erhalten. Auch Konrad Adenauer gehörte 1919 als Kölner Oberbürgermeister zu denjenigen, die eine an Frankreich angelehnte « Rheinische Republik » als Bollwerk gegen den « preussischen Militarismus » gründen wollten. Obwohl daraus nichts wurde, zeugen die schon 1958 geschlossene Städtepartnerschaft mit der nordfranzösischen Stadt Lille und die Existenz vieler deutsch-französischen Vereine wie etwa der Marcel-Proust-Gesellschaft in Köln von der ungebrochenen Francophilie der Kölner.

WDR 3 Kultur am Mittag 5. Mai 2021