Wer schmeißt denn da mit Lehm?

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Der Sender RTL entsandte seine Moderatorin („Guten Morgen Deutschland“) Susanna Ohlen für eine Reportage ins Katastrophengebiet in Bad Münstereifel. Dort hatte sie in den Tagen zuvor selbst schon privat helfend mit angepackt. Bei ihrer Reportage aber ging es um ein journalistisches Unternehmen. Das Ergebnis wurde hoch gelobt, vor allem von RTL selbst. Dann aber tauchte ein Video auf, auf dem zu sehen war, wie sich Susanna Ohlen mit Lehm beschmierte, um vor der Kamera authentisch zu wirken. Der Sender beurlaubte sie daraufhin.

https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr3/wdr3-resonanzen/audio-zwischenruf—wer-wirft-denn-da-mit-lehm-100.html

Der Refrain eines der lustigsten Chansons von Claire Waldoff aus den 1920er Jahren heißt „Wer schmeißt denn da mit Lehm? Der sollte sich was schäm‘. Und auch was ander‘s nehm‘. Als ausgerechnet Lehm.“ Damit wollte die Interpretin auf drastische Weise zu mehr Friedlichkeit unter den Zeitgenossen aufrufen. Dass sich jemand selbst mit Lehm beschmeißt oder gar beschmiert, konnte ihr damals noch nicht in den Sinn kommen. Denn zu ihrer Zeit gab es weder Fernsehen geschweige einen Sender wie RTL. Noch gab es das Dschungelcamp. Beides aber sind Formate, die auf Lehm bzw. Schlamm spezialisiert sind.

Insofern ist es absurd, der bewährten RTL-Moderatorin und Dschungelcamp-Reporterin Susanna Ohlen mit erhobenem Zeigefinger vorzuhalten, dass sie sich mit Lehm beschmiert habe. Und ganz unverständlich ist, dass ausgerechnet ihr Sender ihr das vorwirft und sie deswegen beurlaubt. Denn schließlich ist Schlamm ja das Material, mit dem er seine Einschaltquoten hoch hält. Ob er nun sogenannte Promis damit bewirft oder sie im Dschungelcamp knietief im Morast menschlicher Absonderlichkeiten und Gemeinheiten waten lässt. Und geradezu lächerlich ist, wenn RTL die Beurlaubung damit begründet, Frau Ohlen habe durch die Selbstbelehmungs-Aktion gegen „journalistische Grundsätze“ und damit auch gegen die „Standards“ des Senders verstoßen.

Das genaue Gegenteil ist wahr! Susanna Ohlen hat genau das getan, was die journalistischen Standards solcher Sender wie RTL auszeichnet. Sie blieb nicht in vornehmer Reporter-Distanz zum Geschehen. Sie hat sich total engagiert, hat sich in die Schlammfluten gestürzt, selbst mit angepackt, geholfen, wo immer sie konnte. Eine voll authentische subjektive mitreißende Reportage ist daraus geworden. Hoch gelobt. Gefeiert vor allem von RTL selbst. Bis dann dieses aus dem Hinterhalt gefilmte Video auftauchte…

Na und? Hat Susanna Ohlen denn nicht recht, wenn sie sagt, sie hätte sich vor den anderen Helfern schämen müssen, wenn sie mit blütenweißem Oberteil vor die Kamera getreten wäre? Sie hätte sich nicht nur schämen müssen. Vor allem hätte sie vollkommen unauthentisch gewirkt. Das wäre die eigentliche journalistische Todsünde gewesen. Wie glaubwürdig ist denn eine Reporterin, die während einer Katastrophe in piekfeinen und blitzblanken Klamotten bloß neben den mit den Schlammfluten kämpfenden Helfern steht? Und nicht wenigstens so aussieht, als hätte sie gerade noch selbst im Schlamm gestanden? Zumal sie zuvor ja selbst – privat – tagelang mitgeholfen hat.Unter dem Stichwort „Authentizität“ führt ein aktuelles Journalismus-Lexikon zwei Varianten auf. Erstens „die tatsächliche Echtheit einzelner Informationen.“ Zweitens das „erfolgreiche Erwecken eines Anscheins von Echtheit als Mittel journalistischer Darstellung unabhängig von der tatsächlichen Echtheit.“ Dafür, dass die Echtheit nur simulierende und nahe am „Fake“ angesiedelte Variante immer mehr zum journalistischen Alltag gehört, trägt nicht Susanna Ohlen die Schuld. Verantwortlich dafür sind die auf Schlamm spezialisierten Medien.

WDR 3 Resonanzen 23. Juli 2021