Sandro Veronesi, Der Kolibri

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Sandro Veronesi, Der Kolibri. Roman. Aus dem Italienischen von Michael von Killisch-Horn. Szolnay. 352 Seiten. 25 Euro

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An einem Tag im Jahr 1999 betritt Daniele Carradori die Praxis des Augenarztes Marco Carrera. Er stellt sich als der Psychoanalytiker von Marcos Frau Marina vor und gesteht, dass er gerade dabei ist, einen Tabubruch seines Berufsstandes zu begehen. Aber er müsse Marco vor einem Racheakt Marinas warnen. Die wisse nämlich, dass der schon seit Jahren eine Geliebte habe. Im Gespräch stellt sich heraus, dass Carradori nicht nur alles über Marcos Ehe, sondern auch über seine Geliebte Luisa weiß.

„Haben Sie ein Keuschheitsgelübde abgelegt, das heißt, keinen Sex zu haben, auch wenn Sie es sich wünschen?“ „Ja, aber wirklich, wie kommt es, dass Marina diese Dinge weiß? Und warum sagen Sie mir nicht gerade heraus, was Sie mir zu sagen haben? Wir sind verheiratet, verdammt, wir haben eine Tochter!“ „Es tut mir leid, Ihnen das sagen zu müssen, aber Ihre Ehe ist schon seit geraumer Weile am Ende, Doktor Carrera.“

Im Anschluss an diese Szene erzählt der Roman die Geschichte der Ehe Marcos mit Marina, die Geschichte seiner Beziehung zu Luisa und die zu seiner Tochter Adele. Das tut er jedoch nicht in einem chronologischen Erzählfluss, sondern in zeitversetzten Schüben. In einer Vielzahl von Rückblenden springt er zurück zur Kindheit und Jugend Marcos, erzählt von seinen Eltern und dem Drama seiner Kleinwüchsigkeit, die ihm den Spitznamen „Kolibri“ eintrug. Dank einer Hormontherapie aber wächst er schließlich und bringt es sogar zu einem guten Tennisspieler. Zwischen diese Erzählblöcke montiert der Autor die Briefe, die Marco und Luisa sich über die Dauer von zwei Jahrzehnten schreiben. Auch die erzählen eine Geschichte, die einer hoffnungslos verklemmten Liebe. Und in ihnen offenbart sich auch Marcos wahrer Charakter.

Und da habe ich spontan begriffen, dass du wirklich ein Kolibri bist. Aber nicht aus den Gründen, aus denen dir dieser Spitzname gegeben wurde; du bist ein Kolibri, weil du wie die Kolibris deine ganze Energie dafür verwendest, auf der Stelle zu bleiben.

Damit hat Luisa recht. Marco erweist sich als ein Schwächling und ein Jammerlappen, der am Ende nur durch die Hilfe des Psychoanalytikers Carradori sein Leben wieder einigermaßen in den Griff bekommt. – So richtig Spannung kommt nicht auf in diesem interessant angelegten Familiendrama um unglückliche Lieben und Ehen und den frühen Tod von Kindern. Zu oft nimmt die Puzzle-Technik des Erzählers der Geschichte den Schwung statt ihr Tiefe zu verleihen. Mehr aber noch stören das Lesevergnügen die eingestreuten schwülstigen Plattitüden und eine zum Ende hin immer dräuender werdende Esoterik.

Erst im richtigen Augenblick, das heißt im dunkelsten, erleuchtete sich sein Geist. Schlagartig geschah alles auf ein Ziel hin, und er bekam die Antwort – einfach, präzise und voller Nektar: Miraijin. Miraijin war der neue Mensch. Sie wurde geboren, um die Welt zu verändern, und ihm, Marco Carrera, wurde das Privileg zuteil, sie aufzuziehen.

Miraijin ist die offenbar mit einer überirdischen Aura ausgestatte Enkeltochter Marcos, deren Betreuung er nach dem frühen Tod seiner bereits ebenfalls schon mit wunderbaren Kräften ausgestatteten Tochter übernahm. – Zweifellos gehört das Zauberhafte in die Literatur. Ob es aber so dick aufgetragen werden muss wie hier, ist eine Frage des Geschmacks.

WDR 5 Bücher 21. August 2021