Koloniale Vergangenheitsbewältigung

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Fast zeitgleich mit der Einweihung des Ethnologischen Museum im Berliner Stadtschloss durch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier kam es in Namibias Hauptstadt Windhuk zu Protesten gegen Deutschland. Die hatten weniger mit den aus Namibia stammenden, immerhin 1.400 Ausstellungsstücken im Museum zu tun. Sondern mehr mit einem „Aussöhnungsabkommen“ zwischen Deutschland und Namibia. Darin geht es um eine offizielle Entschuldigung Deutschlands für den Völkermord in den Kolonialkriegen gegen die Volksgruppe der Herero und Nama. Das Abkommen wollte der deutsche Außenminister noch in dieser Legislaturperiode unterschreiben. Doch sowohl die Protestierer in Namibia wie die Opposition in Deutschland sind für Nachverhandlungen. 

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Die Deutschen werden im Ausland oft dafür gelobt, wie sehr ihnen die Aufarbeitung ihrer Nazi-Vergangenheit am Herzen lag und liegt. Diese „Vergangenheitsbewältigung“ hat Deutschland zwar erst sehr spät, in den 1970er Jahren begonnen, aber immerhin. Inzwischen gibt es so viele Gedenkstätten und Gedenktage zu den im Nationalsozialismus begangenen Verbrechen, dass auch den Nachgeborenen das Verschweigen und Vergessen schwerfallen dürfte.

Vielleicht liegt es an der Mühe dieser „Bewältigung“, dass für die Aufarbeitung noch älterer Verbrechen der Deutschen lange Zeit kein Platz blieb. Weder in den Köpfen noch in den Herzen. Und vor allem nicht im Portemonnaie. – Erst hundert Jahre nach den zwischen 1904 und 1908 von deutschen Kolonialtruppen im damaligen „Deutsch-Südwest-Afrika“ begangenen Massakern an den Völkern der Nama und Herero erinnerte man sich sehr zögerlich daran. Zum Jahrestag 2004 flog die damalige Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul nach Namibia, betete dort öffentlich ein Vaterunser und bat um Vergebung. Das Wort Völkermord nahm sie jedoch ebenso wenig in den Mund wie irgendein anderer deutscher Politiker. Der Grund dafür war, dass die Anerkennung eines Völkermordes dazu geführt hätte, sich auch den Entschädigungsforderungen zu stellen, die das Volk der Herero seit langem an die Bundesrepublik richtet.

Inzwischen liegen die Dinge anders. Aber nur ein wenig anders. Nach sechs Jahren zähen Verhandelns – Beteiligte sprachen von einem wahren „Geschacher“ – entschuldigte sich im Mai dieses Jahres der deutsche Außenminister Heiko Maas bei den Nachfahren der fast ausgerotteten Völker. Im damals ausgehandelten „Aussöhnungsabkommen“ wird das deutsche Kolonialverbrechen sogar als Völkermord anerkannt. Allerdings bloß als Völkermord „aus heutiger Perspektive“. Womit sich Deutschland immer noch im Falle des Zugeständnisses um eine fällige Entschädigung herumdrückt.

Deshalb ist im bereits ausgehandelten „Aussöhnungsabkommen“ nicht von einer „Entschädigung“, sondern nur von einer finanziellen „Geste“ die Rede. Es geht um 1,1 Milliarden Euro „Wiederaufbauhilfe“, die Deutschland in den nächsten 30 Jahren an Namibia zahlen will. An den Staat Namibia. Nicht aber an die Nachfahren der betroffenen Völker. Die aber, die Herero und Nama, sind im Staat unterrepräsentiert und waren von den Verhandlungen ausgeschlossen. Konsequenterweise empfinden sie das Abkommen wie auch das angebotene Geld als „Beleidigung“. Da die Legislatur der amtierenden Bundesregierung demnächst zu Ende ist und auch in der deutschen Opposition die Forderungen nach einer Nachverhandlung lauter werden, könnte es noch dauern, bis der Bundespräsident zu einem „einvernehmlichen Abschluss“ des Abkommens nach Namibia fliegt.

Schlechtes Gewissen und kalter Geiz schließen sich bei den Deutschen keineswegs aus. Angefangen von der zynischen Schäbigkeit bei der „Wiedergutmachung“ jüdischer Opfer des Naziregimes. Über die sture Verweigerung von Reparationszahlungen an griechische und italienische Wehrmachtsopfer. Bis zur Weigerung, die Opfer des deutschen Kolonialismus angemessen zu entschädigen. Schade, dass Fremdschämen hier nicht klappt. Wir müssen uns tatsächlich selbst schämen.

WDR 3 Resonanzen 23. September 2021