Krieg und Neugier

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Mario Kramp, 1870/71. Franzosen in Köln. Die vergessenen Gefangenen des Deutsch-Französischen Krieges.

https://www1.wdr.de/radio/wdr3/programm/sendungen/wdr3-gutenbergs-welt/stadtportraets-100.html

Der deutsch-französische Krieg von 1870/71 ist im historischen Gedächtnis ebenso verblasst wie eine ganz besondere Erfahrung der deutschen Stadtgesellschaften, die er nach sich zog: Die Begegnung mit den hunderttausenden französischen Kriegsgefangenen, die – erstmalig in der Kriegsgeschichte – in großen Lagern außerhalb der Städte untergebracht waren. Der Kölner Historiker Maria Kramp widmet ihnen ein reich bebildertes, eindrückliches Buch.

In den beiden ersten Septembertagen 1870 war mit der Schlacht von Sedan der deutsch-französische Krieg entschieden, auch wenn er erst im folgenden Jahr beendet wurde. Der Sieg über die französische Armee, die man bis dahin für überlegen hielt, entfachte nicht nur in Preußen, sondern in allen deutschen Ländern eine gewaltige nationale Euphorie. In deren Fahrwasser konnte wenig später nicht nur das Deutsche Reich gegründet werden. Sie ließ auch den Mythos vom „Erzfeind“ Frankreich entstehen, dem man sich von nun an kulturell überlegen fühlte. – In erstaunlichem Kontrast dazu stand der fast warmherzige Empfang, den man im Rheinland den geschlagenen französischen Truppen bereitete. Auf den Bahnhöfen empfängt man die Gefangenen mit Tabak, Brot und warmen Suppen.

Das ist wirklich schwierig zu erklären.

Der Historiker Mario Kramp.

Ich erkläre es mir zumindest im Rheinland so, dass man befürchtete, die Franzosen würden als Sieger einmarschieren. Man wusste ja nicht, wie dieser Krieg verläuft. So haben die befürchtet, die kommen hierher als Sieger, als Triumphtruppe, annektieren das Rheinland in ihren glänzenden Uniformen. Und nun kommt eine völlig zerrissene, zerlumpte und Mitleid erregende Armee an, die um Hilfe bittet. Und da gibt es wunderbare Beschreibungen, dass in Trier, dass man den Verwundeten die eigenen Betten angeboten hat, in den Eifelorten und in Köln war der Empfang genauso.

Es ist ein Zeichen übel angebrachter Humanität und Sentimentalität, wenn die Gefangenen mit Geschenken überschüttet werden.

Die nationalistische Presse tobt.

Insbesondere dem durch Mitleid irregeführten weiblichen Geschlechte sei dringend angeraten, sich Zurückhaltung aufzuerlegen. Unsere Frauen sollten sich den Gefangenen nicht weiter nähern, als es deutscher Anstand, deutsche Sitte und deutscher Stolz gestatten.

Die Rheinländer scheren sich nicht drum. Vor den Toren von Köln, auf der Wahner Heide, wird ein Massenlager für die gefangenen Mannschaften errichtet. Dorthin zieht es die neugierige Stadtbevölkerung Wochenende für Wochenende.

Eigentlich waren Kontakte der Zivilbevölkerung in den Städten zu den Massen der Soldaten verboten. In Köln passiert genau das Gegenteil, wie Sie sich vorstellen können, die Kölner halten sich eh nicht gerne an preußische Vorschriften und dann gibt es da diese wunderbare Formulierung von einem französischen Arzt, der hier tätig gewesen ist und ein Buch darüber geschrieben hat, Abbé de Blaye, der sagt: Tout Cologne pilgerte zu den Gefangenenlagern nach Wahn und nach Gremberg, als habe es sich um die Uraufführung einer Oper gehandelt. Der Andrang war teilweise so groß, jeden Sonntag fuhren die Kölner da hin, die Züge waren voll, die Lager mussten Eintrittsbeschränkungen vornehmen und am Ende sogar Eintritt erheben.

Eine besondere Attraktion bildeten dort die ungefähr tausend Afrikaner, Angehörige der französischen Kolonialtruppen – „Turcos“ oder „Suaven“, die nicht nur wegen ihrer Hautfarbe, sondern auch durch ihre exotisch bunte Kleidung auffielen.

Na ja, das muss man sich mal vorstellen, dass zum ersten Mal in der Geschichte, dass die Kölner einer dermassenen Masse von Andersfarbigen – wie nennt man das politisch korrekt: Schwarzen – begegneten. Und da ist erstmal der Aspekt der Neugierde das Wichtige: Wie sehen sie denn aus? Wie benehmen sie sich? Wie sind sie den angezogen? Sind die wie wir? Oder sind die anders? Und da gibt es eine ganz interessante Oszillierung, – das schwankt zwischen absolutem Rassismus – „das sind Wilde, das sind Bestien, die vergewaltigen unsere Frauen“ – und was da alles an üblichen Stereotypen kommt. Andererseits aber so ein menschliches Mitempfinden. Und das erklärt zum Teil auch wieder, warum gerade die Damen da besonders drauf zugegangen sind und gedacht haben: Mein Gott, die werden von allen verachtet, da muss man helfen.

In der Rheinischen Zeitung heißt es am 24. September 1870:

Im Zeltlager auf der Wahner Heide gibt es Szenen, in denen man sieht, dass wir in Bezug auf Schwächen, Bedürfnisse etc. alle Kinder eines Schöpfers sind, mögen wir einer Rasse, einer Hautfarbe angehören, welche es auch sein mag.

Sind die Neugierde der Kölner, ihre Besuche im Lager der exotischen Gefangenen vielleicht Anzeichen dafür, dass sich die bis dahin kleingeistige Stadtgesellschaft im Kontakt mit dem Fremden verändert hin zu einer weltoffenen Urbanität?

Ich fürchte nein. Weil sehen Sie mal: 1871 ziehen die Franzosen wieder ab. 1879 gibt es die ersten Völkerschauen hier, Veranstaltungen von Hagenbeck und im Zoo und anderen und Castans Panoptikum, wo man die begafft hat und wo man sie vor einem vermeintlichen Forschungsinteresse zuliebe als dekoratives amuse geul hat auftreten lassen.

Auch wenn die Begegnung der Kölner mit den Exoten im Gefangenenlager aus Köln keine sich dem Fremden öffnende Stadtgesellschaft machte, – es war eine Begegnung mit der Welt, eine erste Globalisierungserfahrung. Wenn auch vielleicht unter kolonialistischen Vorzeichen.

Das denke ich schon. Wie ja auch dieser Krieg 70/71 so eine merkwürdige Schwellenstellung hat. Einerseits ist es noch wie zu Zeiten von Kabinettskriegen, wo sich die Fürsten ihre Scharmützel liefern, andererseits ist es schon ein moderner Krieg mit Massenaufgebot und grauenhaften Waffen, also es steckt immer so ein Mittelding in dieser Zeit, das ist eine Schwellenzeit 1870/71. Der Schrei nach Kolonien kommt ja erst später. Aber das baut ja alles auf eine Erfahrung, die über die eigenen Stadtmauern hinweggeht. Es war ein Vorgeschmack auf etwas Exotisches, wo man seine Freude dran haben kann, aber auch etwas Exotisches mit einem eindeutigen imperialistischen Gefälle.

WDR 3 Gutenbergs Welt 6. November 2021