Mit Dummen reden?

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Die Pandemielage spitzt sich zu, Inzidenzzahlen erklimmen jeden Tag Höchstwerte, in den (meist durch ungeimpfte Patienten) überfüllten Intensivstationen praktiziert man, wenn auch im Stillen, bereits die Triage, also die Aussonderung derjenigen, die die geringsten Chancen zum Überleben haben. Konsequenterweise planen die Ampelkoalitionäre ein Gesetz mit noch schärferen Regeln. Das wird auf einen Lockdown für Ungeimpfte hinauslaufen, also auf eine zwar indirekte, letztlich aber faktische Impfpflicht. „Zwangsimpfung“ schreien die Impfgegner, Impfskeptiker und Querdenker und beschwören die Freiheit. Welche und wessen Freiheit?

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Deutschland ist ein zutiefst unfreies Land. Das erlebt man täglich auf den Autobahnen. Dort werden nämlich alle gezwungen, in nur eine Richtung zu fahren. – Wie geht man mit einem solchen „Argument“ um? Zugegeben, nicht alle „Argumente“ der Impfgegner, Impferverweigerer und Querdenker sind von solch überwältigender Dämlichkeit. Doch im Wesentlichen kreisen sie alle wie im Autobahn-Beispiel um den Begriff der Freiheit: Die Corona-bedingten Maßnahmen des Staates griffen in die vom Grundgesetz verbürgten Freiheitsrechte der Bürger ein. Ebenso bedeuteten die sich nun abzeichnenden Einschränkungen für Ungeimpfte eine massive Freiheitsbeschränkung. Widerstand dagegen sei deshalb legitim.

Ja, die Freiheit des Einzelnen steht in dieser Pandemie auf dem Spiel. Impfgegner wie der Österreicher Christian Felber führen gegen die „historisch einzigartigen autoritären“ Maßnahmen des Staates die „Gesundheitskompetenz“ des Einzelnen ins Feld: Wer sich gesund ernähre, bei Sport, Tanz und Yoga viel bewege und in Kontakt mit Natur und Spiritualität bleibe, komme mit dem Virus schon klar. – Die Wirksamkeit von Impfungen gegen Corona sei dagegen wissenschaftlich nicht nachweisbar.

Wie argumentiert man mit solchen Leuten? Man könnte ihnen sagen, dass die individuelle Befindlichkeit von Ungeimpften nicht über das Leben anderer Menschen gestellt werden sollte. Wenn die Ungeimpften sich die Freiheit nehmen, das Risiko einer eigenen Covid-Infektion einzugehen, kann die Gesundheitsvorsorge aller übrigen nicht mehr gewährleistet sein. Eine Entscheidung gegen die Impfung ist somit auch eine Entscheidung dafür, der Gesundheit von schwächeren Gruppen zu schaden und damit deren Freiheit einzuschränken.

Anfang der 1980er Jahre entwickelte der heute über 90-jährige Philosoph Jürgen Habermas seine „Theorie des kommunikativen Handelns.“ In dem auf allen Machtanspruch verzichtenden, allein der Vernunft verpflichteten Gespräch sah er die Grundlage für eine demokratische Gesellschaft. Die Regeln für dieses Gespräch lauten, dass darin nichts weiter herrscht als der (Zitat) „zwanglose Zwang des besseren Arguments und das Motiv der kooperativen Wahrheitssuche.“ – Angesichts der Pandemie haben wir uns inzwischen Galaxien weit von jenem vernünftigen Gespräch entfernt. An der Paarung von Esoterik und Wissenschaftsfeindlichkeit mit asozialem Eigensinn zerplatzt jedes vernünftige, wahrheitssuchende Argument.

Darum sind all die Mahnungen, mit den Impfgegnern doch noch einmal ein „vernünftiges Gespräch“ zu suchen, in den Wind gesprochen. Und deshalb hat die Psychiaterin Heidi Kastner in ihrem Buch „Dummheit“ wohl auch recht: Bei einem solchen Gespräch käme nichts weiter heraus als die ergebnislose Kombination zweier Monologe. So wird die Vernunft angesichts der Unvernunft der Impfgegner ohne das Gespräch auskommen und diesmal wohl auf die Zwanglosigkeit verzichten müssen.

WDR 3 Resonanzen 15. November 2021