Wellenbrecher

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Wie für jedes Jahr hat die „Gesellschaft für deutsche Sprache“ auch für das Jahr 2021 das „Wort des Jahres“ aus über 2.000 Vorschlägen ausgewählt. Und wie schon im Jahr zuvor – 2020 – ist es jetzt wieder ein Wort, das mit der Corona-Pandemie zu tun hat. „Wellenbrecher“ stammt eigentlich aus dem Wasserbau und bezeichnet massive Bauwerke, die den Ansturm von Wellen an gefährdeten Uferstellen aufhalten sollen. Übertragen auf die pandemische Krise bezeichnet man in der Sprache der Virologen vorgreifende Lockdowns als „Wellenbrecher-Lockdowns“.

https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr3/wdr3-resonanzen/audio-zwischenruf-wellenbrecher—corona-und-die-demokratie-100.html

Österreich, du hast es besser! Die Bewohner der benachbarten Republik haben trotz der andauernden Operettenhaftigkeit der Politik in ihrem Lande den Humor nicht verloren. Eher wohl: Gerade deswegen nicht. Denn zum Wort des Jahres 2021 haben sie den „Schattenkanzler“ gewählt: Eine triefend ironische Anspielung auf das Ansinnen des inzwischen definitiv zurückgetretenen Kanzlers Kurz.

Uns Deutschen fehlt bekanntermaßen sowohl der Sinn für die Leichtigkeit wie der für Ironie. Deshalb haben wir jetzt schon zum zweiten Mal hintereinander eine Vokabel aus dem Umfeld der Corona-Pandemie zum Wort des Jahres gewählt. Im martialisch klingenden „Wellenbrecher“ spiegeln sich einerseits die tief in den Knochen sitzende Furcht und der Respekt der Deutschen vor der Seuche. Zum anderen aber auch der Wunsch, dass endlich einmal etwas Eindeutiges gegen sie unternommen wird. Dass mit Härte Regeln durchgesetzt werden, die alle Gefährdeten schützen. Dass die Willkür der Impfgegner und Impfverweigerer eben gebrochen wird.

Eine Bestätigung für diese Interpretation liefert eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey im Auftrag der Deutschen Nationalstiftung. Danach halten mehr als 40 Prozent der Deutschen die demokratische Staatsform für ungeeignet, um die Corona-Pandemie zu bekämpfen. Darin schlägt sich kein generelles Demokratie-Misstrauen nieder, sondern eher der Missmut über das Krisenmanagement der deutschen Demokratie in Bezug auf die Corona-Pandemie. Die Teilnehmer der Civey-Umfrage sprechen sich dafür aus, dass die Politik Probleme „beherzt und kompetent“ angehen müsse, um größere Mehrheiten von der Überlegenheit freiheitlicher Gesellschaften zu überzeugen.

Diesem Ansinnen ist die neue Regierung insofern entgegengekommen, als sie einen Bundeswehrgeneral zum Leiter des Corona-Krisenstabes ernannt hat. Das ist eine Bankrotterklärung und ein Tabubruch. Eine Bankrotterklärung insofern, als die zivile Regierung sich damit außerstande erklärt, die Krise mit den ihr eigenen Mitteln zu bewältigen. Und ein Tabubruch, weil das Grundgesetz dem Einsatz der Bundeswehr im Inneren sehr enge Grenzen setzt. Bisher war sie immer nur als eine Art Hilfstruppe in Krisenfällen unterwegs. Jetzt wird zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg ein Militär für politische Führungsaufgaben eingesetzt.

Dies nun als eine „Militarisierung der Innenpolitik“ zu bezeichnen ist sicher übertrieben. An der prinzipiellen Distanz der Deutschen zum Militär wird sich so schnell nichts ändern. Und angesichts der in der Corona-Krise offenbar gewordenen Führungsschwäche der politischen Eliten wird es denen ganz guttun, von einem erfahrenen militärischen Manager zu lernen, wie man „beherzt und kompetent“ zu Werke gehen kann.

WDR 3 Resonanzen 3. Dezember 2021