Bernd Imgrund, Köln Kriminell

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Bernd Imgrund, Köln Kriminell. Greven Verlag. 264 Seiten. 100 Fotos. 16 Euro

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https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr3/wdr3-mosaik/audio–jahre-kriminalgeschichte-koeln-100.html

Die kriminelle Seite der Stadt Köln ist bei den Kölnern selbst ein sehr beliebtes Thema. Ein bisschen sind sie sogar stolz darauf, dass ihre Stadt in den 1960er Jahren vom Rotlichtmilieu beherrscht wurde und den Titel „Chicago vom Rhein“ trug. Anders lässt sich nicht erklären, warum in einer endlosen Reihe von Publikationen, Büchern wie Filmen, diese Zeit und ihre kriminellen Protagonisten idealisiert werden. Titel wie „Wir waren das Miliöh“ ziehen in Köln immer und Figuren wie „Dummse Tünn“ und „Schäfers Nas“ gelten heute noch als Helden, obwohl es tatsächlich menschenverachtende Zuhälter und Schläger waren. – Mit einer solchen Idealisierung hat der Journalist Bernd Imgrund in seinem Buch „Köln Kriminell“ nichts im Sinn.

„True-Crime“ als Markenzeichen für Reportagen über „wahre Verbrechen“ ist inzwischen in Verruf gekommen. Immer mehr verbirgt sich dahinter platter Voyeurismus. Und es scheint verkaufsträchtiger, Kriminalgeschichten eher aus der Perspektive des Täters als der Opfer darzustellen. – Auch auf dem Titel des Buches „Köln Kriminell“ klebt das Label „True Crime“. Das verdankt sich vielleicht der Verkaufsstrategie des Verlages, es hat aber weder etwas mit seinem Inhalt noch mit der Absicht des Autors Bernd Imgrund zu tun. – Wir treffen ihn in Köln. 

Um Populismus ging es mir tatsächlich nicht. Ich bin Journalist und ich habe versucht, so detailliert wie möglich diese zum Teil lange zurückliegenden Fälle noch mal zu recherchieren und tatsächlich auch neue Details herauszufinden. Und wer das liest, wird feststellen, dass da immer auch die Perspektive der Opfer mitbedacht ist.

Das trifft besonders auf eine der ersten der insgesamt 15 Geschichten des Buches zu, den Fall des Kölner Regierungspräsidenten Franz Grobben. Im Juni 1966 nehmen Polizisten ihn und acht weitere Männer in einer öffentlichen Herren-Toilette fest. „Klappen“ nannte man diese Treffs von Homosexuellen in den Zeiten, in denen der Paragraph 175 Homosexualität unter Erwachsenen noch unter Strafe stellte. Eine Straftat wurde Grobben allerdings nie nachgewiesen. Trotzdem mobbte ihn eine Pressekampagne aus dem Amt.

Bis heute steht der Verdacht im Raum, dass Franz Grobben das Opfer eines schmutzigen Wahlkampfs geworden war. Dem CDU-Politiker wurde von der Kölner SPD vorgeworfen, er lege ihr Steine in den Weg. Gut möglich, dass die Publikmachung seiner Festnahme einem politischen Kalkül folgte.

Wie in dieser Geschichte geht es Bernd Imgrund eher um Fälle in der Grauzone der Legalität. Er rekonstruiert zwar auch einige „echte“ kriminelle Taten – etwa das Schulmassaker im Kölner Vorort Volkhoven 1964, die Geiselnahme bei einem Banküberfall 1971 oder die Entführung der achtjährigen Nina von Gallwitz 1981. Mehr aber interessieren ihn solche Fälle, an denen sich das gesellschaftliche Klima der Stadt Köln ablesen lässt, in der man es mit den Buchstaben des Gesetzes offenbar nie so ganz genau genommen hat. Hier können es Kriminelle oder Halbkriminelle sogar zu einiger Popularität bringen, zum Beispiel Manfred Manglitz, Torwart des 1. FC Köln. Beim sogenannten Bundesligaskandals 1971 war er derjenige, der sich am häufigsten bestechen ließ. Oder Heinrich Schäfer, genannt „de Nas“, ein vormaliger „König der Unterwelt“. 1995 machte er Schlagzeilen, als er durch seine Kontakte half, ein aus dem Domschatz gestohlenes Kreuz wieder zu beschaffen. Eine Belohnung dafür lehnte er ab.

„Ich werde für Sie beten“, versprach der Domprobst, und dieses Angebot akzeptierte Schäfer schließlich. „Das tut meiner schwarzen Seele gut“, soll er geantwortet haben.

Die Geschichte einer kleinen Holzbrücke neben dem Ostasiatischen Museum ist weniger spektakulär, öffnet dafür aber den Blick für die dunkle Seite der Stadt und ihrer Verwaltung: 16 Jahre lang wurden die Bohlen dieser kleinen Brücke immer wieder ausgetauscht, obwohl sie vollkommen intakt waren. Beamte der Stadtverwaltung verdienten mit. Erst 1998 wurde der Fall publik.

Damals, als diese Korruptionsaffäre losgetreten wurde, habe ich mir den rausgegriffen, damals als Redakteur bei der Stadtrevue, und hab den pars pro toto recherchiert, um herauszufinden, wie eigentlich Korruption hinter den Kulissen abläuft.

Bernd Imgrunds Buch ist ein Stück Kölner Zeitgeschichte. Seine sorgfältige und immer sachliche Rekonstruktion der großen und kleinen Kriminalfälle der vergangenen Jahrzehnte zeigt ein anderes Gesicht der Stadt. Nicht nur der Frohsinn und das laissez faire gehören zu ihrem Charakter, sondern auch ein wohl nicht auszurottender Hang zu „krummen Sachen“. 

WDR 3 Mosaik 28. Dezember 2021