Szczepan Twardoch, Demut

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Szczepan Twardoch, Demut. Aus dem Polnischen übersetzt von Olaf Kühl. Rowohlt Berlin. 464 Seiten. 25 Euro

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Dass aus dem oberschlesischen Jungen Lojzik Pokora mal ein Student und dann ein deutscher Offizier im Ersten Weltkrieg werden würde, stand ihm nicht in die Wiege geschrieben. Sein Vater war ein Bergmann, hatte zwölf Kinder, elf davon Jungen. Alle Jungen wurden ebenfalls Bergleute und alle bekamen mit vierzig die Staublunge. Doch der Pfarrer erkannte, dass Lojzik besondere Talente hatte, nahm ihn bei sich auf und finanzierte den Besuch des Jungen im Gymnasium in Gleiwitz. So wird aus Lojzik Pokora Alois Pokora, der Deutsch sprechen lernt, der nach dem Abitur Philosophie studiert, der voller Begeisterung freiwillig in den Krieg zieht, dort mit Orden überhäuft wird und die Schützengräben einigermaßen unversehrt übersteht – der aber ein durch und durch unglücklicher Mensch ist. Der Grund dafür ist eine unglückliche Liebe. Eine von vornherein zum Scheitern verurteilte Liebe, denn die von ihm schon als Schüler vergötterte Agnes ist nicht nur älter als er und inzwischen verheiratet, sondern sie ist auch eine perverse Sadistin, die Alois‘ Liebe zu ihr nur dazu benutzt, ihn zu demütigen.

Ich höre Seide rascheln, als du den Gürtel des Schlafrocks öffnest, höre, wie er von deinen Schultern gleitet, und ahne, dass du nackt über mir stehst. „Du darfst gucken, Alois, aber nur für einen Augenblick.“ Ich schaue auf. Du stehst nackt über mir. „Hast du genug?“ Du kommst auf mich zu. Ich schüttele den Kopf. Du schlägst mit offener Hand ins Gesicht von Alois Pokora.

Dieser Alois Pokara, der Ich-Erzähler des Romans, ist in so obsessiver Weise auf Agnes fixiert, dass er all das Abenteuerliche, das ihm während und nach dem Krieg widerfährt, wie in einem Traum erlebt. Er lässt es einfach geschehen, denn es geht ihn eigentlich nichts an; sein Denken und Fühlen ist allein auf diese Frau gerichtet. Immer wieder wendet er sich in seiner Erzählung an sie, der ganze Roman ist im Grunde ein einziger langer Brief an sie.

Ich will jemand anders sein, als ich bin. Ich will jemand sein, der mehr wert ist als ich. Ich will deiner Liebe wert sein, Agnes.

Es wird Jahre dauern, bis er sie wieder sieht. In den Schützengräben in Frankreich wird er in den letzten Kriegstagen verwundet und landet in einem Berliner Lazarett. Eine Krankenschwester gibt ihm die Adresse ihrer Schwester, die im Wedding eine Arbeiterkneipe führt. Die Schwester kümmert sich um den völlig Mittellosen und päppelt ihn auf; er verkauft die von ihr in Heimarbeit gedrehten Zigarren auf der Straße – und gerät dort in die Wirren der Novemberrevolution. Doch die erlebt er nicht nur passiv, – er wird selbst zum Revolutionär, und zwar als Mitglied einer bizarren spartakistischen Gruppe. Es ist eine von Rosa Luxemburg als die „elitäre Faust der Revolution“ bezeichnete Schwulentruppe, die von einem adligen preußischen Offizier angeführt wird. Alle nennen ihn „die Baronin“, denn er tritt meist in Frauenkleidern auf. Der kriegserfahrene Alois gibt der Truppe militärischen Schliff, so, dass sie in den Straßenkämpfen eine Weile erfolgreich gegen die reaktionären Freikorps bestehen kann.

So richtig lebendig habe ich mich nur in den paar Wochen in Berlin gefühlt. Ich fühlte, dass mein Leben zum ersten Mal mir gehörte. Zum ersten Mal hob ich den Kopf, ich war keine schlechtere Art Mensch mehr. Und ich fühlte, dass ich vielleicht lieber wäre wie sie, wie Rosa Luxemburg, wie Liebknecht, lieber so wie sie leben würde, erhobenen Hauptes.

Daraus wird natürlich nichts. Denn der Ich-Erzähler ist alles andere als ein Held. Mit Mühe entkommt er als einziger seiner Truppe einem Erschießungskommando der Freikorps, kehrt in seine oberschlesische Heimat zurück, heiratet ein Mädchen aus dem Volk und versucht, ein normales Leben zu führen. Bis er dann Agnes wieder sieht. In masochistischer Blindheit nimmt er deren Einladung an und zerstört damit sein Leben. – „Demut“ ist ein breit angelegter Roman, in dem den Leser weniger die voraussehbare Liebesgeschichte berührt. Mehr nimmt ihn die darin detailliert erzählte Geschichte der Bergarbeiterfamilie Pokora gefangen. Sie gibt diesem Roman den Hintergrund und die Tiefe, die ihn zu einem epischen Leseerlebnis machen.

WDR 3 Kultur am Mittag „Lesestoff“ 16. Februar 2022