„Geburtsschuldig“. Georges-Arthur Goldschmidt, Ein französischer Schriftsteller deutscher Sprache

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Das Einzige, worauf ich im Leben stolz bin: Ich habe einen Urgroßvater, der im 18. Jahrhundert geboren ist! Das kann nicht jeder sagen. Mein Vater war nämlich 55 Jahre alt, als ich geboren wurde. Er wurde 1873 geboren. Sein Vater war ein Freund von Fontane. Stellen Sie sich das mal vor! Und dieser alte Herr war eine typisch deutsche Erscheinung aus der Zeit von Wilhelm II. Er war ein Urdeutscher. Er war Deutschland in Fleisch und Blut. Das ist unglaublich.

Der Mann mit der stolzen deutschen Ahnengalerie heißt George-Arthur Goldschmidt und ist seit über 70 Jahren Franzose. Seit ebenso so vielen Jahren lebt er in einem steinalten Haus im Pariser Arbeiterviertel Belleville. Der Aufzug führt zu einer geräumigen Wohnung, in der Goldschmidt und seine gleichaltrige Frau Lucienne Geoffrey leben. Seit 66 Jahren sind sie verheiratet und haben zwei Söhne. Erst im Alter von 50 Jahren begann Goldschmidt zu schreiben. Zu der Zeit arbeitete er noch als Studienrat an Pariser Gymnasien. Seine ersten Bücher schrieb er auf Französisch. Bis er dann Ende der 1980er Jahre begann, sich mit seiner Biografie zu beschäftigen.

Das fing mit dem französischen Schreiben an mit „Über die Flüsse“. Und während ich das schrieb, merkte ich plötzlich: Mensch, du bist total verrückt, ich schrieb auf einmal Deutsch! Im französischen Text. Und da habe ich mir die Frage gestellt, auf einmal, als ich über das Jahr 1943 schrieb, wo ich den Deutschen gerade entkam, da wurde das Deutsche auf einmal unschuldig. Gerettet durch die französische Sprache. Ich hab das Glück gehabt, dass das Französische mich von dem Nazideutsch, wie der Klemperer so wunderbar schreibt, befreit hat.

„Über die Flüsse“, „Ein Garten in Deutschland“, „Die Absonderung“ und „Der geteilte Wald“ sind autobiografische Erzählungen. In ihnen schreibt Goldschmidt über sein Schicksal nach seinem zehnten Lebensjahr. – Geboren wurde er 1928 als Sohn eines Oberlandesgerichtsrats in Reinbeck bei Hamburg. 1938, als der Terror unübersehbar wurde, schickten die protestantischen, nach den Nazi-Rassegesetzen aber als Juden geltenden Eltern den Zehnjährigen und seinen vier Jahre älteren Bruder außer Landes. Zuerst zu Bekannten nach Italien. Von dort kamen sie in ein Internat im französischen Hochsavoyen, wo sie vor den deutschen Okkupanten gerettet wurden. – Seine Eltern hat Goldschmidt nie mehr gesehen, die Villa, in der die Familie in Reinbeck lebte, besuchte er erst nach dem Krieg und dem Tod des Vaters 1949. Trotzdem fühlt er sich durch seine Herkunft geprägt.

Von diesem Milieu, von diesem ziemlich Thomas-Mann-artigen Milieu, natürlich, ich war ein Kind und ich wusste schon: Nietzsche hatte einen Schnurrbart, Goethe war der größte Schriftsteller und Johann Sebastian Bach und Mozart waren Musiker, das wusste ich schon alles. Natürlich: Ich bin von diesem deutschen kultivierten Bürgertum völlig geprägt, ohne das zu ahnen. Ein kleiner Knirps aus der französischen Vorstadt, – wie soll der wissen, dass es überhaupt Literatur gibt? Ich wusste das von Geburt an. Ich bin ganz von meinem Milieu beschenkt worden, wenn ich das so sagen kann. Mit zehn Jahren ist schon alles gemacht. Ein zehnjähriges Kind ist für das Leben schon aufgebaut.

Eine der Wortschöpfungen Goldschmidts, mit denen sich seine autobiografischen Erzählungen überschreiben ließen, ist das Wort „geburtsschuldig“. 

Es ist eine Schuld, dass ich geboren wurde. So ein Scheiß-Jidd, – zuviel. Ich habe immer das Gefühl, ich bin eine Überschuss-Existenz. Ich hab keinen Grund, dass ich da bin. Ich hab das Leben immer als das Herrlichste empfunden, was es überhaupt gibt. Leben ist doch herrlich! Wunderbar! Und dabei sagst du: Das darfst du eigentlich gar nicht! Du hast doch hier gar nichts zu suchen. Du bist doch schuldig.

Die prägendste Erfahrung, die das Kind und der Jugendliche im französischen Internat machte, sind die demütigenden Prügelstrafen, denen man ihn dort unterzog. Doch selbst diese Erfahrung erscheint ihm im Rückblick sozusagen vorgeprägt durchs Elternhaus.

Das fing an, weil meine Mutter, die war ein verrücktes Genie, die hat mir die Hände angebunden, damit ich nicht an mir herumfummele. Und natürlich: Kinderonanie hat für mich eine große Rolle gespielt in meiner Jugend. Und dafür wurde ich auch im Internat bestraft. Da kam die Aufseherin und wenn die sahen, dass wir an uns… Da mussten wir ins Büro und da wurden wir verurteilt und mussten selbst die Ruten pflücken und bekamen fünf, sechs Hiebe auf den nackten Hintern. Das war gar nicht so schlimm. Das war demütigend, es tat weh – und es war erotisierend. Und meine ganze Jugend hat sich darauf aufgebaut. Und das ist die Schuld. Und dazu bist du auch noch ein Scheiß-Jidd. Das war ein bisschen viel für einen einzigen, ha-ha.

Zwei Stunden lang gibt der erstaunlich rege und humorvolle 94-jährige Georges-Arthur Goldschmidt detailliert Auskunft über sein Schreiben, sein Werk und sein Leben. – Bemerkenswert ist angesichts seiner jugendlichen Leiderfahrung die Bilanz, die er am Schluss zieht.

Ich unterwarf mich physisch, aber geistig nie. Ich war immer im Widerspruch. Dabei ließ ich mich schlagen und ließ mich manchmal mehr oder weniger sexuell misshandeln, ohne dass mein Denken und meine Seele dabei etwas mitbekamen. Ich war völlig frei. In dieser komischen physischen Unterwerfung war ich völlig frei. Ich hab nie nachgegeben. Ich hab nie ein Zipfelchen meiner Persönlichkeit jemand anderem unterworfen. 

WDR 3 Gutenbergs Welt 5. März 2022