Die hohe Kunst des Beleidigens

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Jetzt ist er also tatsächlich nach Kiew gefahren, der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz. Aus dem Zug twitterte er noch frohgemut: „Es ist schön, in diesem Land zu sein.“ Derweil stritt man sich hierzulande über die Motive dieser Reise: Will er den zögernden Bundeskanzler vorführen? Ihm zeigen, wer von beiden der wahre Staatsmann ist? Und so, wie die meisten Beobachter vermuten, Wahlkampf für seine vor zwei Landtagswahlen stehende CDU betreiben? Das trifft wohl zu. Aber ebenso wahrscheinlich ist, dass Merz nach Kiew fährt, um sich dort einmal richtig beleidigen zu lassen. Denn offensichtlich haben die Deutschen ein wahres Vergnügen daran gefunden, sich von ukrainischen Politikern und Diplomaten beleidigen zu lassen. Warum sollte Merz da in seiner Ambition als deutscher Vorzeigepolitiker eine Ausnahme bilden? 

„Grobheit besiegt jedes Argument“. In seinem Handbüchlein „Die Kunst, Recht zu behalten“, listet der Philosoph Arthur Schopenhauer 37 Tricks auf, wie man Auseinandersetzungen und Streitgespräche erfolgreich führt. Hat man alles probiert und merkt, dass der Gegner trotzdem überlegen ist, heißt es im letzten und 38. Trick, dann „werde man persönlich, kränkend, beleidigend, grob.“ Also gehe man vom objektiven Gegenstand des Streites ab und greife die Person des Streitenden selbst an. Aber auch wenn das Beleidigen das Zeichen eines cholerischen Temperaments ist, so der Philosoph weiter, brauche man dazu eine eigene Kunstfertigkeit, die gebildet und geschult werden muss.

Ob der ukrainische Botschafter in Deutschland, Andrij Melnyk, die Kunst des Beleidigens während seines Jurastudiums oder während seiner Diplomatenausbildung schulte, ist nicht bekannt. Bekannt ist, dass er sie seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine in einem geradezu übervollen Maß besitzt und auch Gebrauch davon macht. Seine jüngste Beleidigung ist nahezu ein rhetorisches Zauberstück, weil sie auf spielerische Weise das Beleidigtsein also solches mit thematisiert. „Eine beleidigte Leberwurst zu spielen klingt nicht sehr staatsmännisch“, warf er dem deutschen Bundeskanzler an den Kopf. Der tritt seine Kiew-Reise auch deshalb nicht an, weil er die Ausladung des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier als Affront empfand.

Diese in der Tat beleidigende Ausladung begründete der Diplomat Melnyk wiederum mit einem wahren Feuerwerk an Beleidigungen und Unterstellungen: Steinmeier habe ein „Spinnennetz der Kontakte“ zu Russland geknüpft, befinde sich in „gedanklicher Nähe“ zu Putin und sehe im deutschen Verhältnis zu Russland etwas „Heiliges“. Thomas Geisel, den ehemaligen SPD-Oberbürgermeister von Düsseldorf, beschimpfte Melnyk als „gotterbärmlichen Putin-Verehrer“. Dem sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer warf er vor, mit „Kumpelchen Putin zu kuscheln“. Und den ehemaligen Bundestagsabgeordneten Fabio de Masi, der an Melnyks Nähe zum ukrainischen NS-Kollaborateur Stephan Banders und zum rechtsextremen Asow-Regiment erinnerte, beschied er kurz, „die linke Klappe zu halten“.

Man muss den Hut ziehen vor der von Melnyk praktizierten hohen Schule der Diplomatie, die darin besteht, diejenigen zu beleidigen, von denen man etwas haben will. Denn sie scheint erfolgreich zu sein. Den Erfolg dieser trickreichen Variante des Beleidigens kann man eigentlich nur dadurch erklären, dass die Beleidigten die Beleidigungen ignorieren wollen. Anders ist kaum verständlich, dass ein Justizstaatsekretär, der es wagte, Melnyk vorzuwerfen, er sei ein „schlechter bis widerlicher Botschafter“, vehement zur Ordnung gerufen und zu einer demütigenden Entschuldigung für diese „Beleidigung“ genötigt wurde.

Wer Beleidigungen hinnimmt, gibt nach Schopenhauers „Kunst, Recht zu behalten“ dem Beleidiger Recht. Nicht unbedingt, weil der tatsächlich Recht hätte. Sondern, so lehrt der Philosoph, weil er der Klügere ist und er so die aus den Beleidigungen folgende Eskalation vermeidet. Das scheint angesichts der noch bevorstehenden Eskalationen wirklich nicht so ganz dumm zu sein.

WDR 3 Mosaik 4. Mai 2022