Die Zivilisationsfrage. Eine Konferenz im Haus der Kulturen der Welt in Berlin

Eingetragen bei: Allgemein, Rezensionen | 0

Das Berliner „Haus der Kulturen der Welt“ veranstaltete am Wochenende eine mit internationalen Wissenschaftlern besetzte Konferenz mit dem Thema „Die Zivilisationsfrage – Konferenz zu imperialen Zivilisationsnarrativen und der Möglichkeit des gesellschaftlichen Wandels“. – Hinter dem anspruchsvollen Titel verbirgt sich die Frage, ob die Geschichte von der Entwicklung der Menschheit wirklich so stattgefunden hat, wie sie bisher erzählt wurde. Nämlich als eine Geschichte, die sich zwangsläufig hin zu der die Welt dominierenden westlichen Industriegesellschaft entwickelte: Der Kapitalismus als das logische Ergebnis der ganzen Menschheitsgeschichte seit 200.000 Jahren? – Archäologen und Anthropologen aus allen Kontinenten stellten drei Tage lang in Berlin ihre neuesten Forschungen vor und konnten beweisen, dass es in allen Zeiten immer auch Alternativen zu diesem nur scheinbar zwangsläufigen Entwicklungsweg gab.

https://www.hkw.de/de/programm/projekte/2022/die_zivilisationsfrage/start.php

You know, the story we are always told is that when humans come together in very large dense groups, it’s necessary to have some kind of central management structure and social classes otherwise everything will fall into chaos. – Turns out that it’s not true.

Der englische Archäologe David Wengrow hat gemeinsam mit dem kürzlich verstorbenen amerikanischen Anthropologen David Graeber ein Buch geschrieben, das die bisher erzählte Geschichte der Zivilisation auf den Kopf stellen will: „Anfänge. Eine neue Geschichte der Menschheit“ lautet der Titel. Radikal kritisieren die beiden Autoren darin das sogenannte Standardmodell der Anthropologie. Demzufolge sollen sich aus kleinen, gleichberechtigt lebenden Gruppen von Jägern und Sammlern größere Agrargemeinschaften mit zunehmend hierarchischen Sozialstrukturen entwickelt haben, denen dann ebenso hierarchisch organisierte Stadt- und später Industriegesellschaften folgten. So, als habe sich die heute existierende westliche Zivilisation mit nahezu logischer Zwangsläufigkeit entwickelt. Dieser „Logik“ widersprechen Graeber und Wengrow mit einer erdrückenden Fülle von neuen archäologischen Beweisen. – Das Haus der Kulturen der Welt in Berlin fand diese empirischen Befunde so brisant, dass es eine Konferenz darüber veranstaltete. Und zwar im Rahmen seiner „Das Anthropozän“ genannten Veranstaltungsreihe über den menschengemachten Zusammenbruch des Erdsystems.

Der Moment, in dem wir uns mit einer Katastrophe globalen Ausmaßes konfrontiert sehen, legt es ja nahe, dass wir auf die Frage der Selbstverortung, dass man da zurückgreift auf Tiefengeschichten.

Anselm Franke hat die Konferenz „Die Zivilisationsfrage“ im Berliner Haus der Kulturen der Welt organisiert.

Da gibt es eben eine ganze Reihe von Strukturen, wie diese Geschichten erzählt werden, die selbst zum Thema gemacht werden müssen. Und das hat eben viel mit der Art und Weise zu tun, wie in Schulbüchern, wie in Museen, wie in anderen Institutionen und Medien die Geschichte der Zivilisation selbst erzählt wird.

It is clear, that there had been different forms of resistance against social stratification. One form was to stay in a dispersed settlement pattern with not more than hundred or five hundred inhabitants in central Europe or in Scandinavia. At the other hand there are developments in this part of East Europe with about ten thousand inhabitants, which in our view were not stratified.

Ausgerechnet auf dem Gebiet der heutigen Ukraine hat der Kieler Archäologe Johannes Müller Siedlungen ausgegraben und erforscht, in denen im dritten und vierten Jahrtausend vor Christus bis zu dreißigtausend Menschen lebten. Siedlungen, die ringförmig um Gemeinschaftshäuser gebaut waren und in denen sich keinerlei Hinweise auf Herrschaftsstrukturen – Fürstenpaläste zum Beispiel – fanden. – Müller ist nur einer des guten Dutzend Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, die bei der Konferenz in Berlin ihre auf allen Kontinenten zusammengetragenen Befunde vorstellten und diskutierten, um die bisher erzählte Geschichte der Menschheit zu hinterfragen. Der spanische Archäologe Alfredo Gonzalez etwa konnte beeindruckende Belege dafür vorweisen, dass es über den ganzen afrikanischen Kontinent verteilt sehr langlebige nicht-hierarchische Gesellschaften gab. Neue Erkenntnisse gab es auch über die prähistorische mexikanische Stadt Teotihucán, deren Einwohnern es gelang, sie von allen Herrschaftsstrukturen zu befreien. – Es ging also um die Frage der Freiheit und damit auch darum zu fragen, wie es weitergehen kann, wie heute Menschen daran gehen, ihr Zusammenleben bewusst so zu gestalten, dass es frei ist von sozialem Zwang.

The strange thing is, that a lot of books write about our ancestors as if they were existing in a kind of dream world, or following the plot of some evolutionary story that we can identify but which they are not conscious of.

Das Merkwürdige an der bisherigen Anthropologie sei, meint David Wengrow, dass sie so tut, als hätten unsere Vorfahren in einer Traumwelt gelebt, die sie nicht bewusst hätten beeinflussen können. – In dieser Vorstellung lebt der Mythos vom „Edlen Wilden“ fort, der nur den Europäern politische Vernunft zubilligt, – die von ihnen entdeckten und eroberten Völker dagegen für naiv hält.

This, it seems to us, is really a myth which comes out of racism and out of a very narrow understanding of the European enlightenment as being the first time in history that people could self-consciously redesign their political and social structures, which seems terribly unlikely given the realities of the world beyond Europe and of the evidence of the archaeological record. 

Und wenn, könnte man aus den Ergebnissen der Berliner Konferenz schlussfolgern, unsere Vorfahren die Freiheit hatten, sich für die eine oder die andere Form des sozialen Zusammenlebens zu entscheiden, – warum sollten wir dann nicht auch in der Lage sein, etwas an unseren Lebensumständen zu ändern?

WDR 5 Scala 30. Mai und DLF Kultur heute 30. Mai