Peter Cameron, Was geschieht in der Nacht

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Peter Cameron, Was geschieht in der Nacht. Roman. Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence. Liebeskind. 272 Seiten. 24 Euro

Das wirklich Zermürbende an Ehekonflikten ist die Zirkelhaftigkeit der Streitgespräche. Gleich, um welches Thema es geht: Niemals finden sie ein Ende. Denn es geht nicht um die Lösung eines Problems, sondern darum, den anderen zu kränken.

Es tut mir leid, dass du denkst, ich bin skeptisch. Ich unterstütze dich. – Aber nicht eindeutig, sagte sie. – Es tut mir leid. Ich wünschte, ich könnte dich so unterstützen, wie du es brauchst, aber es kommt mir falsch vor, etwas vorzugeben, was ich nicht empfinde. – Natürlich, sagte die Frau. Deine Ehrlichkeit hilft mir nicht. Lieber bist du du selbst und tust mir weh, als dass du so tust, als wärst du ein anderer.

Allerdings ist es in diesem Fall eine äußerst knifflige Frage ob der Mann besser ehrlich ist oder lieber lügt. Denn seine an Krebs leidende Frau ist einem Wunderheiler begegnet und glaubt, allein schon durch diesen ersten, oberflächlichen Kontakt geheilt zu sein. – Peter Cameron platziert sein Ehedrama nicht nur in eine ohnehin schon äußerst dramatische Situation, sondern wählt dazu auch noch das Setting eines veritablen Schauerromans: Das kinderlose amerikanische Ehepaar sieht in der Adoption eines Kindes die letzte Möglichkeit, seine Ehe zu retten und gleichzeitig das Endstadium der Krankheit der Frau erträglich zu machen. Das Waisenhaus, das bereit ist, ihnen ein Baby zu überlassen, befindet sich in einer völlig abgelegen, tief verschneiten nordosteuropäischen Stadt. Die beiden kommen in einem riesigen, bis auf einige wenige, äußerst merkwürdige Gäste leeren Hotel unter, in dem lauter mysteriöse Dinge geschehen. Am nächsten Morgen bringt sie das Taxi statt zum Waisenhaus zu einem Wunderheiler namens Bruder Emmanuel. Von ihm ist die Frau so angezogen, dass sie das Kind nicht mehr adoptieren will.

Mach mit einer anderen Frau ein Baby. Du wolltest immer schon ein eigenes. – Bitte, sag so etwas nicht. Wir waren immer nett zueinander. – Genau!, rief sie. Nett! Wie ich dieses Wort hasse! Ich wollte nie jemanden, der nett zu mir ist. Und ganz sicher habe ich mir das von dir nicht gewünscht.

Während sich das Ehedrama zuspitzt, wird die Situation im Hotel immer unheimlicher und absurder. Eine exaltierte und uralte Sängerin verwickelt die beiden in ein intrigantes Spiel. Sie war diejenige, die das Taxi statt ins Waisenhaus zum Wunderheiler dirigierte. Der einzige andere Gast des Hotels, ein holländischer Geschäftsmann, macht dem Mann sexuelle Avancen, auf die der sich schließlich einlässt. Seine Frau geht ins Haus von Bruder Emmanuel – und will am Ende dort nicht mehr weg.

Können wir nicht einfach… – Was? – Loslassen, sagte sie. – Was loslassen? – Uns, sagte sie. Uns loslassen. Ich habe es schon. Kannst du es nicht auch?

Manche Ehe endet schaurig. Ein finales Ehezerwürfnis als Schauerroman zu erzählen und dazu mit den Genre-typischen Zutaten auszustatten, kann deshalb eine naheliegende Idee sein. Peter Camerons Roman überstrapaziert sie vielleicht manchmal. Doch führt er auch den Beweis, dass eine Literaturgattung, die als gestrig gilt, durchaus sinnvoll wiederbelebt werden kann. Ganz abgesehen davon, dass sein Roman überaus spannend ist.

WDR 5 Bücher 23. Juli 2022