Anthony Burgess, Die Malaya-Trilogie

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Anthony Burgess, Jetzt ein Tiger. Band 1 der Malaya-Trilogie. Aus dem Englischen von Ludger Tolksdorf.Elsinor Verlag 2018, 232 Seiten, 26 Euro.

Anthony Burgess, Der Feind in der Decke. Band 2 der Malaya-Trilogie.Aus dem Englischen von Ludger Tolksdorf. Elsinor Verlag 2022, 220 Seiten, 32 Euro.

Anthony Burgess. Betten im Orient. Band 3 der Malaya-Trilogie. Aus dem Englischen von Ludger Tolksdorf. Elsinor-Verlag 2022, 244 Seiten, 34 Euro

Neben seinem berühmten „A Clockwork Orange“ galt Anthony Burgess Erstling, die „Malaya Triologie“, im englischsprachigen Raum schon länger als ein Meisterwerk. Jetzt ist es endlich vollständig ins Deutsche übersetzt.

Wer sich den Kolonialismus als ewige Cocktailparty unter Palmen vorstellt, wird von Anthony Burgess eines Besseren belehrt. Zumindest der Held seiner Malaya-Trilogie, der Geschichtslehrer Victor Crabbe, leidet an seinem Kolonialisten-Dasein. – Im südostasiatischen Malaya geht um die Mitte der 1950er Jahre die britische Kolonialherrschaft zu Ende. Allmählich übernehmen die Malaien die Macht im Land. Zu früh, denkt Victor Crabbe, der ansonsten mit der Unabhängigkeitsbewegung sympathisiert.

Aber wer erledigt die Arbeit, wenn nicht wir? Sie sind noch nicht bereit, das Ruder zu übernehmen.

Die noch zu erledigende Arbeit hat Crabbe in der Beseitigung des Hauptproblems Malayas erkannt: Der gegenseitige Hass der unterschiedlichen Ethnien, die das Land bevölkern. Die hinduistischen Tamilen hassen die buddhistischen Chinesen wegen ihres Reichtums und die muslimischen Malaien wegen ihrer Machtgier. Umgekehrt verachten die Malaien die Tamilen, weil die in die von den Briten geräumten Schlüsselpositionen des Landes drängen. Das Land befindet sich in einem unentwirrbaren Chaos rassistischer und religiöser Vorurteile. – Victor Crabbe bringt es im Verlauf der drei Romane vom Lehrer zum Leiter eines Schulamtes. Dort ist er in einer Position, in der er etwas gegen die gegenseitigen Vorurteile glaubt unternehmen zu können. Er lädt alle Menschen, mit denen er beruflich zu tun hat und die den unterschiedlichen Ethnien angehören, zu einer großen Kennenlernparty in sein Haus. Allerdings sind die meisten Anwesenden einschließlich der Moslems schon zu Beginn seiner Rede betrunken.

„Jetzt ist die Zeit gekommen!“ Wie ein Mann vor Gericht schlug er mit der Faust auf die Platte eines Servierwagens. „Es muss nicht nur eine Vermischung stattfinden, es muss eine Verschmelzung geben.“ „Verschwechslung“, sagte Vythilingam und nickte zustimmend. Er wurde zum Schweigen gebracht.

Das Fest endet in wildem Durcheinander und der Verfestigung der Vorurteile, die es abbauen sollte. – Anthony Burgess‘ Malaya-Trilogie erweist sich als eine groß angelegte Tragikomödie, deren Anliegen zwar ernst ist, deren Protagonisten jedoch allesamt lächerliche, in ihren egoistischen Bestrebungen hoffnungslos verstrickte Figuren sind. Das wirkt heutzutage nicht sonderlich politisch korrekt, denn Burgess Spott zielt nicht nur auf die Marotten der Kolonialisten, sondern auch auf die spezifischen ethischen Eigenarten seines einheimischen Personals. Einzig seine Hauptfigur, Victor Crabbe, ist von diesem Spott ausgenommen. Dafür trifft ihn aber umso unerbittlicher die Ironie des Schicksals, das sich Burgess für ihn ausgedacht hat: Zuerst verliert er seine Frau, dann seine menschenfreundlichen Ideale und am Schluss bei einem slapstickhaften Unfall auch noch sein Leben. Kurz davor aber hat er beim Gesang einer Kellnerin noch die Erkenntnis gewonnen, die ihn von der selbst auferlegten „Bürde des weißen Mannes“ befreit.

Es war eine pentatonische Melodie, streng und dünn wie der Körper des Mädchens. „Sie sind zivilisiert“, dachte Crabbe. „Was für ein unglaubliches, schwindelerregendes Zusammentreffen der Kulturen: Islamische Texte, die über die chinesische Mauer wucherten, ein zwölfbeiniger Gott, der mit glupschäugigem Wohlwollen herabblickte.

Und welch ein unglaublicher, teuflisch gut geschriebener – und kongenial unterhaltsam übersetzter Roman, der uns mit hinterlistigem Vergnügen die Probleme des so genannten „globalen Südens“ nahebringt.

WDR 5 Bücher 6. August 2022