150 Jahre Fontaines Wallace

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Jetzt, wo in Deutschland die Rufe nach öffentlichen Trinkwasserbrunnen – von denen es viel zu wenige in den Städten gibt, immer lauter werden, lohnt sich ein Blick ins benachbarte Ausland. Städte wie Wien und vor allem Zürich haben eine lange Tradition solcher Brunnen und sind reichlich damit versorgt. Und in Paris feiert man im September das Jubiläum der öffentlichen Trinkwasserbrunnen, die bereits seit 1872 zum festen Bestandteil des Stadtmobiliars gehören: Die sog. Fontaines Wallace. 60 bis 70 dieser sehr dekorativen Brunnen, verteilt über das ganze Stadtgebiet, soll es zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegeben haben. Zwischendurch kamen sie etwas aus der Mode, einige wurden abgebaut. Doch jetzt hat man sie wieder lieben gelernt und zahlreiche Exemplare nachgegossen. Ein Spaziergang mit dem Kunsthistoriker Peter Kropmanns, dem Verfasser des Reclam-Kunstführers für Paris.

https://www.deutschlandfunk.de/pariser-trinkwasserbrunnen-dlf-1fadb4ba-100.html

Comment s’appelle ca? Fontaine Wallace? Non. Le nom je ne connais pas. Mais c’est bien. Chaque fois j’ai soif, je prends un verre ici. Parce que je suis diabétique. Oui, c’est pour ça qui’il faut prendre beaucoup d’eau.

Nein, den Namen dieses Trinkwasserbrunnens – Fontaine Wallace – kennt die Frau im Pariser Stadtteil Batignolles nicht. Aber es sei eine gute Sache, erzählt sie, denn als Diabetikerin müsse sie viel trinken. Jedes Mal, wenn sie an ihm vorbeikommt und Durst hat, hält sie an und schöpft mit der hohlen Hand Wasser vom dünnen Rinnsal des Brunnens. – Wie die Zeitungskioske und „Colonnes Morris“ genannten Litfaßsäulen gehören die Trinkwasserbrunnen mit dem Namen Fontaines Wallace zur typischen, aus dem 19. Jahrhundert stammenden Pariser Stadtmöblierung. Im September begeht die Stadt feierlich ihren 150 Geburtstag. – Ein Anlass, gemeinsam mit dem Kunsthistoriker Peter Kropmanns, dem Verfasser des Reclam-Kunstführers für Paris, einen Spaziergang zu einigen der noch erhaltenen beziehungsweise neu installierten Brunnen zu machen. Sie wurden von 1872 an, wenige Jahre nach der grundlegenden Stadterneuerung durch Georges-Eugène Haussmann, überall in der Stadt errichtet.

(Peter Kropmanns) Es ist nicht Teil des Programms der Stadterneuerung von Napoleon III und seinem Präfekten Haussmann gewesen, aber sozusagen die Fortsetzung, eine logische Fortsetzung. Man hat an vieles gedacht damals unter Haussmann, aber eben nicht an solche Trinkwasserspender. Das ist erst die Idee von Richard Wallace. Also Wallace hatte die Idee, sozusagen das i-Tüpfelchen zu kreieren, was noch fehlte. Das fügt sich alles sehr harmonisch ein, weil einfach gut überlegt worden ist: Wie ist die Stadt erneuert worden und wie können wir das integrieren? Und das war natürlich keine leichte Aufgabe. Man weiß ja, wie die sich den Kopf darüber zerbrochen haben, wie diese Brunnen aussehen sollen…

Unser Spaziergang beginnt an der belebten Place de Clichy, wo wir gleich am Anfang des davon abgehenden Boulevard des Batignolles vor der ersten Fontaine Wallace stehen, einem fast drei Meter großen, gusseisernen Ensemble: Die eine Kuppel tragenden vier schlanken Frauengestalten und die florale Ornamentik an der Basis des Brunnens erinnern zwar an den Jugendstil. Aber der kommt erst rund dreißig Jahre später. Dem Stifter der Brunnen, dem in Paris lebenden britischen Millionär und Philanthropen Richard Wallace dienten vielmehr Motive aus der italienischen und französischen Renaissance als Vorbilder für sein Modell. Nach dem wurden dann nach und nach rund 120 gusseiserne Brunnen errichtet. – Allerdings trieben Wallace nicht in erster Linie ästhetische, sondern sehr praktische – und menschenfreundliche Motive um. Denn öffentliche Brunnen – sogenannte bornes-fontaines – gab es seinerzeit schon viele in der Stadt. Aber…

(Peter Kropmanns) …1872 hatte erst zwei Drittel der Bevölkerung Wasser Anschluss am Haus. Und deswegen gab es dann natürlich auch Leute, die haben gedacht: Na ja, dann bediene ich mich doch mal an diesen öffentlichen Brunnen. – Die sind mehr und mehr abgebaut worden, auch aus diesem Grund. Und dann kam Wallace und hat gesagt: Das geht nicht, wir können doch nicht der finanzschwachen Bevölkerung, den Arbeitern, den ärmeren Familien zumuten, dass sie kein Wasser mehr bekommen. Und wir können es auch nicht den Passanten zumuten, die vorbeikommen. Damals: Die Zeit der Flaneure, man flanierte durch Paris und bekam dann auch manchmal einen trockenen Hals.

Dans ce Paris j’aime me balader au gré des jardins/Des portes cochères et des escaliers/Tous ces quartiers me sont familiers/Avec des gens simples et d’la sincérité/C’est le Paris que j’aime partager.

Doch nicht nur damals gab es Flaneure, – auch heute geht beispielsweise Isabelle Geffroy, die sich als Chansonnière ZAZ nennt, gerne in den Pariser Quartiers und Parks spazieren.

Unser Spaziergang führte von der Place de Clichy über die Place de Dublin, wo der zweite Brunnen auf unserem Weg steht, vorbei am dritten Brunnen vorm Rathaus des 17. Arrondissements hinein ins Zentrum des pittoresken Stadtteils Batignolles. Dem kann man heute noch ansehen, dass es vor seiner Eingemeindung 1860 eine Kleinstadt vor den Toren der Metropole war. Hier, am Ende einer Allee, vor einem hübschen Park, finden wir die vierte Fontaine Wallace auf unserem Spaziergang. Sie scheint ein beliebter Treffpunkt zu sein.

Moi, je suis touriste à Paris. J’ai habité à Paris, mais les Parisiens l’utilisent souvent. Nous sommes ici dans le parc, donc dans le square, qui est réputé pour être joli.

Sie sei zwar jetzt als Touristin in Paris, sagt die junge Frau vor der Fontaine, aber sie habe früher hier gelebt und wisse, dass die Leute den Brunnen gerne benutzen.

(Peter Kropmanns) Das sind ja Brunnen aus Metall und im Laufe der Zeit korrodiert das Material natürlich, vor allem, wenn es nicht richtig gepflegt wird. Hier sehen Sie einen Brunnen, der garantiert dieses Jahr nicht frisch gestrichen worden ist. – Es hieß, zum 150. Jubiläum werden alle Brunnen überholt und neu lackiert. In dem Fall sehen wir aber schon die Korrosion am Werk und dann ist es natürlich so, dass nach einigen Jahrzehnten oder einem ganzen Jahrhundert schon der eine oder mal ersetzt werden muss. Und das wird nach Original-Modellen und Original-Formen auch noch gemacht. Ist sehr kostspielig, wird von der Stadtverwaltung in Auftrag gegeben. Aber die Pariser lieben ihre Wallace-Brunnen und von daher ist das auch eine Investition, die sozusagen von der Bevölkerung abgesegnet ist.

Der Brunnen steht am Eingang eines „Square des Batignolles“ genannten Parks. Blickt man von dort zurück in die schattige Allee, erkennt man, dass die Sitzbänke da im gleichen Dunkelgrün wie die Fontaines Wallace gestrichen sind. Die Standardfarbe des gesamten Pariser Stadtmobiliars.

(Peter Kropmanns) Hier kann man gut sehen, wieso es Sinn macht, diesen Brunnen in einheitlicher dunkelgrüner Farbe zu streichen, weil wir hier mit diesen Alleebäumen und Bänken eine Einheitlichkeit erreichen, die man eben nicht erreicht, wenn alles in bunten Farben und alles für sich steht. Hier wirkt, und das ist typisch für Paris und für die französische Architektur und die französische Stadtplanung schon seit jeher, der Gedanke: Es muss von den Proportionen her stimmen, es muss von den Farben her stimmen, es muss abgestimmt sein Ton in Ton, es muss eine Einheitlichkeit her, damit auch eine Ruhe einkehrt. – Und die Brunnen sind natürlich so konzipiert, dass sie harmonisch sich in die Umgebung einfügen in einem Park oder auf einem Platz, auf einem Boulevard oder auf einer rue und als Teil eines vom Design her vergleichbaren Mobiliars haben sie einfach ihren Platz eingenommen und werden deswegen auch geschätzt.

Chaque jour je l’utilise parce que je travaille comme infirmier libéral et qu’entre 13 et 14 heures, c’est ma pause. Je vais là bas, dans le jardin. Alors je me lave et je prends mon petit déjeuner comme ça. Voilà.

Er komme jeden Tag in seiner Mittagspause her, erzählt ein Krankenpfleger, und wasche sich dann immer an diesem Brunnen, bevor er hier im Square des Batignolles sein Frühstück einnehme. – Der Brunnen, von dem er spricht, ist eine klassische borne-fontaine, ein paar Schritte von der Fontaine Wallace entfernt, – und praktischer als sie. Denn bei der Fontaine Wallace stehen die vier Frauenfiguren so dicht beieinander, dass man nur einen Becher unter den dünnen Wasserstrahl stellen kann. Eine 1872 bewusst gewählte Konstruktion, um zu verhindern, dass die Leute von hier ihren gesamten Wasserbedarf beziehen. – Aus der borne-fontaine im Square des Batignolles dagegen fließt viel großzügiger Wasser und sie verfügt seit kurzem sogar über einen Seifenspender.

Ca, je l’aime ca, mais c‘est pas partout. Et c’est bon. C’est ma culture. La culture de mes parents. On se lave pour manger. C’est très très bien. Et je viens au ce jardin pour cela. 

Er liebe diesen Brunnen sehr, erzählt der Krankenpfleger weiter, denn es gehöre zu seiner Kultur, sich vor dem Essen zu waschen.

Dans ce Paris j’aime me balader au gré des jardins/Des portes cochères et des escaliers/Tous ces quartiers me sont familiers/Avec des gens simples et d’la sincérité/C’est le Paris que j’aime partager.

Das, singt die Flaneurin Isabelle Geffroy alias ZAZ, sei das Paris, das sie liebe, das Paris der einfachen, ehrlichen Leute, das Paris, das sie mit ihnen teilen möchte.

Deutschlandfunk, Sonntagsspaziergang 25. September 2022