Annie Ernaux, Das andere Mädchen

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Annie Ernaux, Das andere Mädchen. Aus dem Französischen von Sonja Finck. Suhrkamp 2022. 80 Seiten. 18 Euro.

https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/buecher/lesefruechte/das-andere-maedchen-100.html

Erst im Alter von 70 Jahren, 2010, schrieb Annie Ernaux einen Brief an ihre Schwester, die vier Jahre vor ihrer eigenen Geburt starb. Jetzt erscheint auf Deutsch dieses ergreifende Werk, in dem die berühmte Autorin über die Bedingungen ihrer eigenen Existenz nachdenkt.

Der frühe Tod eines Geschwisters ist für viele Menschen ein traumatisches, das eigene Leben prägende, – und meist verdrängtes Erlebnis. Denn oft sind damit Schuldgefühle verbunden, so irrational sie auch sein mögen. So ist es auch bei Annie Ernaux. Obwohl sie ihr gesamtes schriftstellerisches Werk der soziologischen Erkundung der eigenen Biografie widmete, machte sie sich erst mit siebzig Jahren daran, den Tod ihrer Schwester literarisch zu erforschen. Dabei hätte sie absolut keinen Grund für irgendein Schuldgefühl haben müssen. Denn ihre Schwester Ginette starb vier Jahre vor ihrer eigenen Geburt. Und erst als sie selbst schon zehn Jahre alt war, erfuhr sie ganz zufällig vom Tod ihrer Schwester. Sie lauschte, während sie in der Nähe spielte, als ihre Mutter einer zugezogenen Nachbarin am Gartenzaun erzählte, dass Ginette im Alter von sechs Jahren an einer Diphterie-Entzündung starb. Und sie hört auch, wie die Mutter sagte:

„Sie war viel lieber als die da.“ – Die da, das bin ich.

Die grundlegende Erschütterung, die auf das so Erfahrene für das Kind Annie eigentlich folgen müsste, bleibt allerdings aus. Denn zum einen wird dies die erste und letzte Erwähnung der toten Schwester seitens der Eltern bleiben. Und auch sie selbst wird es ihr Leben lang nicht wagen, sich nach ihr zu erkundigen.

Da sie nicht wollten, dass ich von deiner Existenz erfuhr, durfte ich auch nicht nach dir fragen. Ich musste ihren Wunsch nach meiner Unwissenheit erfüllen. Mir scheint, das Schweigen kam uns allen gelegen. Mir diente es als Schutz. Es verhinderte, dass ich mit dem Gewicht der Verehrung leben musste, die in unserer Familie anderen toten Kindern entgegengebracht wurde, eine Verehrung, die mich abstieß, wenn ich sie mitbekam.

Zum anderen aber hatte das Beschweigen der Eltern vor allem seinen Grund darin, ihre ganze Liebe und Fürsorge auf Annie konzentrieren, ihr das Gefühl eines verhätschelten Einzelkinds geben zu können. Aus dem konnte sie dann ihr Leben lang Kraft schöpfen. – Erst sechzig Jahre später wird die Autorin sich dessen vollends bewusst. Die literarische Form, in der sie die Bedeutung der früh verstorbenen Schwester für ihre eigene Existenz erkundet, ist die des Briefes. Wohl wissend, dass man Briefe eigentlich nur an Lebende schreibt. – Das „Du“ der Briefform erschafft einerseits eine vorwurfsvolle Nähe. Es könnte dazu verführen, mit einem psychoanalytischen Trick der anderen, der toten Schwester, die Verantwortung fürs eigene Leben zuzuschieben. Aber es ermöglicht auch die Intimität des aufrichtigen Selbstgesprächs. Das „andere Mädchen“ ist ja nicht nur die tote Schwester, sondern auch Annie Ernaux selbst. Denn dadurch, dass sie Ginette verleugnete, konnte sie zu sich selbst finden. – Schuldgefühle? – Am Ende des schmalen Bändchens fragt sie sich, warum sie überhaupt diesen Brief geschrieben hat.

Vielleicht wollte ich, indem ich dir eine Existenz gebe, nachdem dein Tod mir eine Existenz gegeben hat, eine imaginäre Schuld begleichen. Oder dich zum Leben erwecken und noch einmal in den Tod schicken, um dich und deinen Schatten loszuwerden. Um dir zu entfliehen.

Wir Leser können sehr glücklich darüber sein, dass sie diesen Brief geschrieben hat. Denn gerade diese Form ermöglicht ihr, in einem so ergreifenden Ton über ihr Leben und die Bedingungen ihrer Existenz zu schreiben, wie wir ihn bisher noch nicht von Annie Ernaux kannten.

WDR 5 Bücher 8. Oktober 2022